Bereiche
... eindeutig erkennbare Zusammenhänge von Nutzung und Bebauung sowie Freiräumen, geprägt durch einzelne Orte; unverwechselbare Situationen gemischter Nutzungen, sozialräumlicher und wirtschaftlicher Verflechtung mit erkennbarem „Innen“ und „Aussen“.



Brachen
... Flächen des vollzogenen und bevorstehenden Wandels, nicht länger genutzte Flächen ehemaliger Industrie- oder Wohnnutzung industrieller Prägung mit Anteilen von Infrastruktur (Erschließung, Beleuchtung, Zuwegung) und auch Belastungen (Boden), die von den abgewanderten Nutzungen hinterlassen wurden. Im Sinne einer perspektivischen Erweiterung des Begriffes für nachindustrielle Bedingungen sind auch Handelsnutzungen und Verkehrsbauwerke als zukünftige Brachen denkbar. Wesentliche Merkmale brachliegender Flächen sind Ansätze einer schnell wachsenden Ruderalvegetation, die den Boden für die Anlage einer Kultur-Landschaft im Übergang zu neuen Nutzungen oder für den Wandel in Langzeit-Per-spektive vorbereiten.



Brüche
... stadträumliche Situationen, die historische und gegenwärtige Konkurrenzen der Ausnutzung des Bodens in den Städten in Form ungelöster Konflikte spiegeln. Brüche betreffen Nutzungs- und Maßstabsdifferenzen in öffentlichen und privaten Räume jeweils und in deren Zusammenwirken. Brüche sind Ausdruck eines Wechsels der Verwertungsbedingungen von Kapital im Stadtraum. Sie liegen z.B. im Gegenüber von Wohnen und Gewerbe, im Kontrast zwischen raumbildender und fragmentarischer Bebauung, zwischen Hochstraße und ebenerdiger, straßenraumbegleitender Bebauung, zwischen großflächiger Bahnnutzung und angrenzenden kleinteilig strukturierten Stadträumen, zwischen Blockbebauung mit eindeutiger Unterscheidung „vorderer“ und „rückwärtiger“ Räume und additiven Anordnungen freistehender Gebäude ohne diese Unterscheidung.



Durchlässigkeit
... „permeability“ ist eines der Kriterien, die für nachhaltige und wandelbare Entwicklung bei Erhaltung und Erneuerung von Stadträumen stehen („variety“, „legibility“, „robustness“ ergänzen dieses Verständnis). Gemeint ist: die Durchlässigkeit in Form von Öffnungen für Blickbeziehungen im Stadtteilraum, die Integration von öffentlichen Durchwegungen in Nutzungs- und Bebauungszusammenhänge als Garant für Öffentlichkeit im Stadtteil sowie die Durchlässigkeit in Form von Durchfahrten, Durchgängen und Eingängen für die Verbindung und den Austausch von Bewegung zwischen öffentlichen und privaten Räumen.

Bentley, I., e.a. (1985) Responsive Environment, Architectural Press, Oxford Brookes University
Hillier, B., Hanson, J. (1984) The Social Logic of Space, Cambridge University Press
Hillier, B. (1996) Cities as movement economies, in: Urban Design International, Volume 1, Number 1, Joint Centre for Urban Design, Oxford Brookes University
Hillier, B., (1996), Space is the machine, London


Einbettung, Rückbettung, Entbettung
... Die industrielle Trennung von Raum und Zeit hat in Form von politischen Institutionen (z.B. Staat) und gesellschaftlichen Systemen (z.B. Geld) für einen abstrakten Ausgleich verlorener räumlicher Zuordnungen von Funktionen gesorgt. Die Erfahrung daraus war, daß die „Entbettung“ (Dislozierung) von Funktionen eine „Rückbettung“ (Relozierung) auf anderer Ebene erforderlich machte. Hieraus erwächst die These, daß die historische Aufhebung vieler Zusammenhänge von Raum und Zeit mittels Strukturwandel abgelöst werden kann durch neue Formen originärer „Einbettung“ von Funktionen in räumliche Zusammenhänge („Verflechtungsräume“), falls gesamtgesellschaftlich und gesamträumlich innovative Veränderungen vollzogen werden.

Berger, J. (Hrsg.) (1986), Die Moderne - Kontinuitäten und Zäsuren, Soziale Welt, Sonderband 4, Verlag Otto Schwartz + Co. Göttingen
Castells, M. (1977), Die kapitalistische Stadt, Ökonomie und Politik der Stadtentwicklung, VSA, Hamburg, Berlin
Giddens, A. (1996), Konsequenzen der Moderne, suhrkamp taschenbuch, wissenschaft 1295, 1. Auflage, Frankfurt a. M.
Frank, G. (1998), Ökonomie der Aufmerksamkeit, Carl Hanser Verlag, München, Wien
Krätke, S. (1991), Strukturwandel der Städte, Städtesystem und Grundstücksmarkt in der ‚post-fordistischen‘ Ära, Campus Verlag, Frankfurt a.M.; New York
Krätke, S. (1995), Stadt. Raum. Ökonomie, Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Stadtforschung aktuell, Band 53 Helmut Wollmann (Hrsg.), Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin
Mackensen, R. (Hrsg.) (2000) Handlung und Umwelt, Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie, leske + buderich, Opladen
Matthiesen, U. (Hrsg.) (2002), An den Rändern der deutschen Hauptstadt, Suburbanisierungsprozesse, Milieubildungen und biographische Muster in der Metropolenregion Berlin-Brandenburg, leske+buderich, Opladen


Funktionalität
... ausschließlich der Erfüllung einer bestimmten Funktion dienende Gestalt und Zweckbestimmung einer Fläche, eines Raumes, eines Gebäudes ...



Funktionale Stadt
... die funktionale Stadt begann mit der Konzentration, Trennung und Spezialisierung von Funktionen infolge der Industrialisierung, etwa um 1830 in Europa. Sie hatte vor Beginn der industriellen Krise, um 1975 in Westeuropa, um 1985 in Osteuropa, bereits Endstadien ihrer Ausdehnung erreicht, reproduzierte jedoch weiterhin die industriellen Muster des flächenhaften Wachstums. Leerstand und Brachfallen von Flächen gebieten diesen Mustern Einhalt, reproduzieren sie jedoch bisher nur in der Rücknahme von Wachstum, nicht in qualitativer Veränderung von Entwicklung in der räumlichen Organisation von Funktionen.



Funktionale Hierarchien
... s. räumliche Hierarchien



Gestaltbarkeit
... Die raumstrukturelle und sozial-räumliche Gestaltung von sozialem, technologischen und wirtschaftlichem Wandel setzt voraus, daß die Logik der Kapitalverwertung eine Gestaltung wünscht. Die Logik der Kapitalverwertung zeigt Perioden der Veränderung ihrer Parameter vor allem hinsichtlich der Mischung, Entmischung und erneuten Mischung von Nutzungen im stadträumlichen Kontext als Ausdruck der räumlichen Organisation von Funktionen im Verhältnis zu laufenden Bedingungen der Trennung von Zeit und Raum. Entgegen einer solchen Logik und ihren periodischen Wechseln in Europa (ab 1850: kleinräumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten, ab 1950 großräumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten infolge begonnener Trennungsprozesse, ab 2000 kleinräumliche Mischung von Wohnen und Arbeiten ...) ist eine Gestaltung von Wandel in kapitalistischen (auch in staatskapitalistischen) Systemen nicht denkbar. Nachdem die industrielle Entwicklung bis 1980 auf die Ausschöpfung monofunktionaler Konzentrationen spezialisierter Nutzungen gesetzt hat (und damit vielfältige Ressourcen von Stadtraum und Kulturlandschaft flächenhaft bis zur Neige erschöpft hat), ist die nachindustrielle Entwicklung auf den Aufbau stadträumlicher Standortvorteile im Kontext derjenigen Orte angewiesen, die kleinräumlich und dezentral noch Entwicklung, bzw. Qualifzierung von Flächennutzung aufgrund von Vermächtnissen aus frühindustrieller Zeit tragen können. Gegenstände aktueller Gestaltbarkeit von regionaler und stadtteilräumlicher Entwicklung, bzw. Qualifizierung, sind Orte besonderer Lage (Integration in bestehende Kerne, alte und neue Verflechtungsräume, Nähe zu „Zukunftsstandorten“ Wasser und „Landschaft“) und deren Verbindung über öffentliche Räume, z.B. Landschaftsräume.



Gebaute/ gelebte Räume
... „Gebaute“ und „gelebte“ Räume sind Ausdruck der materiellen Bedingungen von Raum einerseits und von der gesellschaftlichen Erfahrung ihrer möglichen Aneignungen andererseits im jeweiligen komplementären Gefüge „öffentlicher“ und „privater“ Räume zur Zeit am Ort. Unter raumstrukturellen, sozialräumlichen und wirtschaftlichen Aspekten stehen „gebaute“ und gelebte“ Räume auch in einem komplementären Verhältnis zueinander.

Jede Zeit bringt für ihre Funktionsansprüche den ihr eigenen Raum hervor. Räumliche Praktiken der Nutzung von Land (spatial practices), Vorstellungsräume (representations of spaces) und Darstellungsräume (representational spaces) werden dabei von Lefebvre für die Prozesse der „Produktion von Raum“ als wesentliche Faktoren des Zusammenwirkens unterschieden (Lefebvre, 1991: 33-39). Diese Faktoren haben ein gesellschaftlich, wirtschaftlich und technologisch begründetes Verhältnis zueinander.

Lefèbvre, H. (1991) The production of space, Blackwell, Oxford
Haase, A. (2003) Zum Stand der Produktion von Raum in Ostdeutschland, Artikel in: PlanerIn, Juni


Großräumlich/ kleinräumlich
... Prozesse des Wandels und ihrer Gestaltbarkeit sind Bestandteile vielfältiger Abhängigkeiten der unterschiedlichen Ebenen, auf denen Wandel im Stadtraum Anlässe und Ausdruck findet: Parzelle, Stadtteil, Stadtraum, Region, ...Eine Faustregel besagt: der kleinste Eingriff auf der Parzelle kann teil- bis gesamträumliche Konsequenzen hervorrufen. Die Regel bewahrheitet sich auf der Basis von Rechtsansprüchen, die Präzedenzfällen folgen, sowie auf der Grundlage der massenhaften Leitbildwirkung von einzelnen positiven und negativen Beispielen stadträumlicher Veränderung.

Großräumlich relevante Maßnahmen, wie z.B. Verkehrsbauwerke haben unmittelbaren Einfluß auf kleinräumliche Veränderungen. Die Abwägung solcher Veränderungen obliegt den Kommunen in Auseinandersetzung mit übergeordneten Ziel- und Planungsvorgaben. Dabei haben die Kommunen das Recht, im Sinne des „Gegenstrom-Prinzips“ er bundesdeutschen Raumordnung, ihre Ziele der Entwicklung gegenüber regionalen Zielen auszudrücken und argumentativ zu vertreten. Solch eine Argumentation setzt klare gesamträumliche Visionen für Entwicklung, bzw. Qualifizierung und ihre Umsetzbarkeit voraus.



Heterogenität/ Homogenität
... Beide Begriffe umreißen die Bandbreite unterschiedlicher (heterogener) und gleichartiger (homogener) Bedingungen stadträumlicher Realität. Beide Begriffe stehen wertfrei nebeneinander und müssen durch Bezug zu anderen Merkmalen erst in den Kontext von Bedingungen gesetzt werden, die eine raumstrukturelle Bewertung hinsichtlich Gestaltbarkeit, Aufnahme von Wandel etc. erlauben.



Individuum/Gemeinschaft
... Beide Begriffe gemeinsam bestimmen die Komplementarität gesellschaftlicher Lebensräume: Eine Gemeinschaft besteht idealerweise aus Individuen; aber Individuen müssen nicht Gemeinschaften bilden.



Individualisierung
... Die Individualisierung unserer Gesellschaften ist Ergebnis der industriellen Trennung von Raum und Zeit und der damit verbundenen, erweiterten Möglichkeiten persönlicher Entwicklung ohne notwendige Rücksicht auf Herkunft, Familie, Stand und Finanzkraft. Sie ist Ausdruck individueller Ausprägung von Lebensansprüchen und -gewohnheiten. Diese werden überwiegend über Angebote industrieller Produkte (Auto, Wohnung, Reisen) materiell erfüllt. Die Erfüllung dient häufig zugleich der Darstellung und Abgrenzung gegenüber anderen (Auto, Haus). Konsequenzen der Individualisierung haben in Stadträumen, vor allem in Einfamilienhausgebieten der Zeit seit der industriellen Krise, dazu geführt, daß der Ausdruck der „Individualität“ den privaten und den öffentlichen Raum dominiert. Damit solche Siedlungen für die „Individuen“ finanziell leistbar wurden, sind Grundstücke und Erschließungsflächen minimiert worden. Der öffentliche Raum ist infolgedessen eine Restfläche, die in Charakter und Nutzbarkeit durch angrenzende private Räume (und deren individuelle Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Nutzer und Besucher) bestimmt wird. Der Verlust der Verbindung zwischen Raum und Zeit führt häufig dazu, daß einzelne in ihrer Wohnsituation Sicherheit in der Herstellung von „Heimat“ suchen und so vollzogene Prozesse der „Entbettung“ oder „Dislozierung“ ausgleichen.

Beck, U. (2001), Individualisierung, Globalisierung und Politik, Eigenes Leben in einer entfesselten Welt, in arch+158, S. 28-33
Beck, U. (2002), Arbeit ist ein bewegliches Ziel, in: Die Zeit, 7 Februar , S. 7
Kuhnert, N., Schindler, S. (2001), Houses on Demand - Mass Customization in der Architektur, in: arch + 158, S. 24-25
Lootsma, B. (2001), Individualisierung, in: arch+158, S. 36-45


Industrielle Entwicklung
... Die industrielle Entwicklung begann mit der Aufnahme der Dampfmaschine als Basis-Innovation der Technologie um 1800 in Europa. Sie erfuhr Verbreitung durch die Verbreitung der Dampfmaschine ab 1830 (Eisenbahnbau, Schiffswerften) und bereitete den Grund für alle nachfolgenden Fortschritte der mechanischer Fabrikation (im Kontrast zur mittelalterlichen Handwerk). Sie bereite die massenhafte Herstellung maschineller Fabrikation am Fließband vor (in Amerika seit etwa 1900) und legte damit die Fundamente für die Blüte der industriellen Entwicklung (um 1910 in Europa), die Kriegsproduktion (seit 1930) und die Wiederherstellung der Industrie (ab 1955 mit Hilfe amerikanischer Mittel). Die industrielle Krise zeigte ab 1960 erste Zeichen in Europa, erfuhr ihren Höhepunkt im Ruhrgebiet um 1975 und wurde in Ostdeutschland ab 1990 Form des Rückbaus von Arbeitsstätten spürbar.

Eine Theorie zur innovativen Qualität industrieller Produkte besagt, daß die Qualität im Laufe der Verbreitung der Produkte auf dem Markt (unter dem Druck gesteigerter massenhafter Absatznotwendigkeiten ein- und derselben Erfindungen) zunehmend geringer wird, die Preise aber nicht gleichermaßen stark fallen.

Fehl, G. (1995) „Eine Wohnung, gebaut wie ein Auto“, Ford und die „Industrialisierung des Wohnungsbaus“ im Nationalsozialismus, in: Stiftung Bauhaus Dessau und Lehrstuhl für Planungstheorie der RWTH Aachen (Hrsg.), Zukunft aus Amerika, Fordismus in der Zwischenkriegszeit, Siedlung Stadt Raum, Dessau
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Haase, A. (1999) Die Entwicklung des Duisburger Stadtraumes. Der Einfluß von Innovationen auf Räume und Funktionen. Stadt.Raum.Innovation., Dortmund
Haase, A., Forsyth, W.L. (2000), Pragmatism and Planning - Balancing the Post-Modern Industrial Development, Artikel in: European Spatial Research and Policy, No. 1, Lodz, S. 37-56
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Gerhard Mensch (1975) Das technologische Patt - Innovationen überwinden die Depression, Frankfurt

Eine nachindustrielle Entwicklung ist global gebunden an eine neue Basis-Technologie (Informationstechnologie). Die Aufnahme dieser Technologie erfolgt in Europa seit 1970, Anzeichen verstärkter Verbreitung werden spürbar seit Mitte der 1990er Jahre. Ein Abschluß der Verbreitung ist nicht vor 2050 zu erwarten. Damit einher gehen massive Umverteilungen von Arbeit und deren soziale und wirtschaftliche Konsequenzen für privilegierte und benachteiligte Gruppen der Bevölkerung.



Kerne der Raumstrukturen
... Kerne der Raumstrukturen werden verstanden als ursprüngliche Gründungsbereiche von Stadt, z.B. infolge der Kreuzung von überregional bedeutsamen Wegen. Die Europäische Stadt bildet den Bezugsrahmen. Kernbildende Nutzungen sind diejenigen Nutzungen, die die ursprüngliche Ansiedlung wirtschaftlich und räumlich begründet und in der Folge Stadträume mit ergänzenden Nutzungen hervorgebracht haben. In der Zeit industrieller Entwicklung waren Arbeitsnutzungen, vor allem Industrie und Gewerbe, die vorrangigen kernbildenden Nutzungen. Seit Beginn der Abwanderung von Industrie nach der industriellen Krise in Westdeutschland (ca.1979), bzw. seit dem Umbruch nach der Wende in Ostdeutschland (1989) hat die verbliebene Infrastruktur der industriellen Geschichte (Häfen, Güterbahnhöfe, etc.) eine Bedeutung als räumliche Voraussetzung für neue Kernbildungen. Der Bestand an Wohnungen wird in dieses Verständnis von Infrastruktur einbezogen. Kerne werden grundsätzlich unterschieden von Zentren, da diese in erster Linie durch ihre zentrale Erreichbarkeit definiert sind (z.B. an Autobahnkreuzen) und monofunktional sein können.

Nachfolgende raumstrukturelle Phänomene werden als potentielle Voraussetzungen für eine Erneuerung von Stadtraum untersucht:

Bestehende Kerne der Entwicklung (vorindustriell: Kerne mit Mischung der Nutzungen in Flächen und Gebäuden; industriell: Kerne mit Mischung von Wohnen, Arbeiten und Versorgung in der Fläche; spätindustriell: Kerne mit Mischung von Gewerbe, Handel und Dienstleitung in großflächiger Umgebung von Wohnen)
Bestehende kernbildende Nutzungen (vorindustriell: Handel, Transport, kulturelles Leben; industriell: Produktion, Transport, Versorgung; spätindustriell: Verarbeitung, Lagerung, Handel, Transport, Dienstleistung, Wohnen),
Bestehende Bebauungsstrukturen, die für die Ansiedlung neuer kernbildender Nutzungen einer Kombination neuer Wohn- und Arbeitsformen tauglich sind: historisch markante Zusammenhänge von Flächen und Gebäuden mit hohem Freiraumpotential für individuelle und gemeinschaftliche Arbeitsnutzungen und wohnungsnahe Erholung.
Bestehende Ansätze der Erstbesiedlung, z.B. in Nähe zu Uferzonen oder Waldrändern.

Im Sinne der Suche nach „gefangenen“ Faktoren einer innovativen Siedlungsentwicklung sind Kerne und kernbildende Nutzungen sowie bestehende Infrastruktur vorrangige Gegenstände der Suche nach identitätsstiftenden Merkmalen der Stadtprofile.



Kleinteiligkeit
... Die Kleinteiligkeit von Bedingungen und Maßnahmen ihrer Veränderung ist relativ und gebunden an eine Rahmen, der einer Bewertung zugrunde gelegt wird (Erschließung, Parzellierung, Einheiten von Bebauung und zugeordneten Freiräumen ...). Die industrielle Konzentration von Nutzungen infolge der Zusammenlegung von Produktionseinheiten in Gewerbe und Industrie und die Standardisierung von Wohnungsbau infolge der Rationalisierung ihrer Produktion und Erbauung hat seit Beginn der 1950er Jahre zur Aufhebung von Kleinteiligkeit geführt. Die Konsequenz sind heute riesige brachgefallene Flächen ehemaliger Gewerbe- und Wohnnutzung. Daneben bestehen immer noch Restbestände kleinteiliger Nutzung und Bebauung, deren Instandhaltung bis heute vernachlässigt worden ist. Die Kleinteiligkeit stadträumlicher Bedingungen wird für ein vorrangiges Potential nachindustrieller Stadtentwicklung mit Nutzungsmischung an einzelnen Orten gehalten. An diesen Orten, in Städten und ehemaligen Dörfern, werden „urbane“ Qualitäten entwickelt werden, die der flächenhaften Sub-Urbanisierung industrieller Prägung mit der Trennung von Wohnen und Arbeiten neue Mischungen stadträumlicher Nutzbarkeit und Erfahrbarkeit entgegensetzen werden.



Kulturlandschaft
...Traditionell werden der besiedelte und der unbesiedelte Raum innerhalb der Verwaltungsgrenzen der Städte unterschieden. Der besiedelte Raum darf als „im Zusammenhang bebauter Bereich, oder auch Innenbereich“ nach § 34 Baugesetzbuch verdichtet und erweitert werden, während der unbesiedelte Raum als „Außenbereich“ nach § 35 Baugesetzbuch grundsätzlich vor Besiedlung zu schützen ist. Es gibt Sonderfälle des „Innenbereichs im Außenbereich“ und des „Außenbereichs im Innenbereich“, deren Ansprüche an Entwicklung durch die Satzungen des § 34 Baugesetzbuch geregelt sind. Die grundsätzliche Unterscheidung von „Innen- und Außenbereich“ wird jedoch mit dem Brachfalllen von Flächen und der Inselhaftigkeit atttraktiver Orte von Entwicklung in der Landschaft zunehmend infrage gestellt. Eine Unterscheidung von „natürlicher“ und „durch Besiedlung kultivierter“ Räume wird schwieriger in dem Maße, wie ehemals besiedelte Flächen nicht mehr zu bewirtschaften sind, aber landschaftliche Elemente im Stadtraum darstellen und einzelne Bauwerke die Landschaft als unmittelbare Umgebung suchen.

Im Sinne der Gestaltbarkeit von Stadtraum sollte nicht vergessen werden, welche auch großräumlichen Einflüsse (Tagebau) die Industrialisierung auf Natur- und Kulturlandschaft hatte. Wenn es darum geht, Freiräume im Verhältnis zu Stadträumen groß- und kleinräumlich neu zu definieren, so sollten alle Flächen als Kulturlandschaft betrachtet werden, in ihrer örtlich besonderen Geschichtlichkeit als Kulturlandschaft neu gestaltet und so bewirtschaftet werden, daß neue Verbindungen zwischen Raum und Zeit in der Anlage dieser Landschaft ihrer Ausdruck finden.

Pütz, G. (2002), Inszenierung der Landschaft - Chancen und Gefahren, in: Woderich, R. (Hrsg.) Überall Landschaft , Metamorphosen industrieller Räume, Berliner Debatte Initial 13, S. 43-55
Scurrell, B. (2002) Lernprozesse im Industriellen Gartenreich. Bericht einer Arbeitserfahrung, in: Woderich, R. (Hrsg.) Überall Landschaft , Metamorphosen industrieller Räume, Berliner Debatte Initial 13, S. 64-74


Lebbarkeit von Stadt
... Es ist die Frage, ob Städte jemals daraufhin geprüft wurden ob ihre Bedingungen geeignet wären, „lebbar“ zu sein. Es sei dahingestellt, ob die mittelalterliche Stadt eine Ausnahme war mit den strengen Regeln und Abstimmungen örtlicher Gemeinschaften.

Aus heutiger Sicht haben die meisten Städte wenig Qualitäten, die gut „lebbar“ erscheinen. Die Voraussetzungen für sinnliche Wahrnehmung sind häufig erheblich eingeschränkt. Die industrielle Minimierung von Grundrissen und Flächen in privaten Räumen und die Standardisierung und Verkehrsfunktionaltät öffentlicher Räume führen zu erheblichen Zweifeln an der „Lebbarkeit“ oder auch „Erlebbarkeit“ von Stadt.

Demgegenüber stehen Bedingungen unangepaßter Bodenverwertung, wie z.B. Höfe, Nischen, Gärten, unbebaute Grundstücke, die Raum für Naturerlebnisse und private Tätigkeiten ohne Einschränkung durch reglementierte Ordnungsmuster vergangener Logik wirtschaftlicher Einflüsse bieten. Hier wird Stadt erlebbar. Die Zuordnung von Freiräumen zu Bebauung, der Schutz privater Räume zugunsten uneingeschränkter privater Tätigkeiten und der Schutz öffentlicher Räume für eine Begegnung mit Fremden sind wichtige Voraussetzungen dafür.

Brech, J. (1999), Zum Thema „Arbeit und Wohnen“, in: wohnbund informationen 1
Brech, J. (2000), Raum und Zeit, Einige Gedanken über den Zusammenhang von Raumnutzung und Zeitbudget, in wohnbund informationen 3
Brech, J. (2001), Über Zugang, in: Die Wohnungswirtschaft 4, S. 40-41
Brech, J. (2002), Ohne Fremde keine Stadt, in: Die Wohnungswirtschaft 3, S. 42-43
Brech, J. (2002), Innovation entsteht in der Nische. Die Garage als Metapher, in: Die Wohnungswirtschaft 6, S. 36-37
Brech, J. (2002), Neue Wohnformen - Eine neue Baukultur? in: Stattbau Hamburg, Wohnprojekte Baugemeinschaften, Soziale Stadtentwicklung, Das Stattbau-Buch, Hamburg S. 47-52
Grundmann, W. (2000), Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten, in: Mackensen, R. (Hrsg.), Handlung und Umwelt, Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie, leske+buderich, Opladen, S. 165-187


Leerstand
... Der Leerstand von Gebäuden ist Ergebnis des Aufgebens von Nutzungen. Der Leerstand von Wohngebäuden ist zeitbedingtes Anzeichen eines Überangebotes im Verhältnis zur Nachfrage. Leerstand von Wohnraum ist einerseits in unmittelbarem Zusammenhang zu sehen mit der Wanderung von Investitionen zu kapitalkräftigen Standorten mit „Fühlungsvorteilen“ für die Betriebe (gemischte Branchenstruktur) und mit Lagevorteilen für die Beschäftigten (Nähe zu attraktiver Landschaft, Kultur-, Versorgungs- und Freizeitangeboten). Er ist darüber hinaus Ergebnis einer Entscheidung der Nachfrager für bestimmte Angebote in bestimmter Lage. Lärm, mangelnde Freiräume und zu kleine oder monotone Grundrisse ohne sanitäre Ausstattung waren lange Zeit Kriterien für die Nachfrage nach besseren Bedingungen. Nur die „Immobilen“, die sich keinen Umzug leisten können (weil danach Veränderungen der Möblierung nicht mehr finanziell leistbar sind) bleiben am Ort, auch, wenn die Nachteile überwiegen. Der Wechsel von der Mietwohnung im vielgeschossigen Plattenbau zum freistehenden Einfamilienhaus ist vor allem das Bekenntnis zum individuell nutzbaren privaten Freiraum und umfaßt in dieser Hinsicht eine Herausforderung an zukünftige Konzepte des Städtebaus.

Leerstand von Gewerberaum ist Ergebnis des Abbaus von Arbeitsnutzungen infolge von Strukturwandel. Herausforderungen an den Städtebau liegen vor allem im Zusammenführen räumlicher und funktionaler Konzepte für Wohnen und Arbeiten sowie im Niedrighalten der Bodenpreise für solche Konzepte.



Lesbarkeit
... „Lesbarkeit“ ist Kriterium für die Erfahrbarkeit des Stadtraumes und seiner Teilräume als jeweils „Ganzes“ und somit als Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Kommunen in der Präsentation einer örtlich besonderen Individualität. Entsprechend Lynch, 1960, liegen Kriterien von Lesbarkeit in folgenden Merkmalen:

Regional bedeutsame Achsen und Wege, Alleen (ortsverbindend)
Kreuzungen und Ecken, straßenbegleitende Bebauung
Bereiche, Zusammenhänge mit Erfahrbarkeit von “innen und “außen”
Landmarken, z.B. Schornsteine
Orte (unverwechselbar geprägte räumliche Situationen, integriert als Plätze, exponiert als Gebäude).

Die Anwendung dieser Merkmale ist dient der Unterscheidung von Raumbildungen im Gegensatz zu indifferenten Zonen. Die Erfahrung dieser Merkmale ist gefärbt von Einflüssen der „Produktion von Raum“, vor allem von Ansprüchen der wirtschaftlich und gesellschaftlich bedingten Raumnutzung auf Vorstellungs- und Darstellungsräume.

„Lesbarkeit“ steht neben „Durchlässigkeit“, „Vielfalt“ und „Robustheit“ als Kriterium für dauerhafte Qualitäten stadträumlicher Bedingungen.

Bentley, I., e.a. (1985) Responsive Environment, Architectural Press, Oxford Brookes University
Lynch, K. (1960), The Image of the City, MIT, USA
Lynch, K. (1972), What Time is this Place?, Massachusetts Institute of Technology, MIT Press Media Department / Murray Printing Department, USA



Leitbilder
... Entsprechend den unterschiedlichen historischen Bedingungen von Politik und Ökonomie wurden nach dem Mittelalter (dessen siedlungsstrukturelle Entwicklung Ausdruck herrschender Regeln von Grundbesitz und Bürgerschaften zur Gestaltung des gemeinschaftlichen örtlichen Lebenssystems war) im Laufe der industriellen Entwicklung unterschiedliche, zunehmend abstraktere Leitbilder für die Entwicklung hervorgebracht. Sie dienten alle dem Ziel, die räumliche Organisation der zeitbedingten Funktionen zugunsten der Sicherung gesunder Wohn- und Arbeitsbedingungen zu lenken; dabei wurde die allmähliche Aufhebung örtlicher Systeme von Lebensräumen und zugleich politischer Steuerung tendentiell ausgeglichen und zugleich zugunsten der Interessen zunehmend überörtlicher Wirtschaftskräfte strukturiert.

Dies begann mit der Verdichtung der Bürger- und Arbeiterviertel und minimalen öffentlichen Grünbereichen zur Gründerzeit (im Interesse der Terraingesellschaften, die von den Fabrikbesitzern beauftragt wurden). Der massenhafte Wohnungsbau im Auftrag von Gesellschaften wurde seit 1914 (Verordnungen zur Trennung der Funktionen Wohnen und Gewerbe) zunehmend durch eine Integration von öffentlichen und privaten Grünflächen und eine allmähliche Auflösung der kleinteiligen Parzellierung, zumindest im Arbeiterwohnungsbau, bestimmt. Auf der Grundlage des Bildes vom „Fliessenden Raum“ (Le Corbusier, 1919) wurde um 1945 das Bild der „Gegliederten und aufgelockerten Stadt“ hervorgebracht, das die Trennung öffentlicher und privater Räume aufhob. Dieses Bild wurde in den 1960er Jahren modifiziert durch das Bild der „Urbanität durch Dichte“, das in zwei Phasen mit zunehmender Höhe des mehrgeschossigen Mietwohnungsbaus etabliert wurde. Dieses Bild entspricht dem Leitbild von Le Corbusier voll und ist ungebrochener Ausdruck der „funktionalen Stadt“, die durch die Trennung der Funktionen geprägt wird.

Seit Mitte der 1970er Jahre, nicht zuletzt infolge der industriellen Krise wurden andere Bilder von Urbanität gesucht, die zurückkehren zu einem „menschlichen Maßstab“ niedriger Bebauung, Wiedereinführung der Trennung öffentlicher und privater Räume, Wiedereinführung von Parzellierung etc. und auch und vor allem den raumbildenden Altbaubestand vor Ersatz durch höhergeschossige freistehende Bebauung schützen. Die Wende nach der industriellen Krise ist Ausdruck des gesellschaftlichen Bestrebens, die Trennungen von Zeit und Raum durch neue, eindeutig erfahrbare Verortungen von Nutzungen mit jeweiligem Schutz privater und öffentlicher Räume auszugleichen.



Maßstäblichkeit
... Die Anordnungsformen von Bebauung und Freiräumen werden nach Grund-Typen und deren Modifizierung im Laufe der Zeit und unter Einfluß unterschiedlicher Leitbilder unterschieden. Die Unterschiede finden in der Regel Ausdruck in Maßstabssprüngen der Dichte und Höhe von Nutzungen und ihrer Bebauung. Auch sind der Anteil und die Zuordnung von Freiräumen Ausdruck der Geschichte von Maßstäben der Verdichtung (von der Optimierung baulicher Nutzungen auf den Flächen bis hin zur neuen Wertschätzung von Freiräumen im Rahmen eines steigenden Angebotes von Flächen infolge des Brachfallen industrieller Nutzungen).



Nutzbarkeit
... „Nutzbarkeit“ ist Kriterium für Art und Intensität der Nutzung von Bebauung und Freiräumen, je nach Anordnung der Bebauung auf dem Grundstück und im Verhältnis zum öffentlichen Raum. Die Aneignung von Flächen für Nutzungsarten und Nutzer ist dabei vor allem abhängig von folgenden Bedingungen:

Aufteilung von Flächen und Raumbildung für die Verantwortungsübernahme durch einzelne Personen und Gruppen, z.B. in Form von Eigentumsbildung
Nischenbildung und Unempfindlichkeit für gewerbliche Nutzungen, z.B. für die Entwicklung lokaler Ökonomien
Räumliche und funktionale Verknüpfung von Bebauung und Freiräumen, in individueller oder gemeinschaftlicher Nutzung.

„Nutzbarkeit“ umfasst „Raumbildung“ durch Bebauung und Freiräume im Sinne des mehrdisziplinären Raumbegriffes mit Wirkung im Verhältnis zum öffentlichen Raum und schließt so die Nahtstelle zur großräumlichen Bedeutung der „Lesbarkeit“.

Schubert, H. (2000), Grundlagen für die Erneuerung des öffentlichen Stadtraumes, in: Jahrbuch Stadterneuerung, TU Berlin, S.11-28
Schubert, H. (2000), Städtischer Raum und Verhalten, Zu einer integrierten Theorie des öffentlichen Raumes, Leske + Budrich, Opladen
Selle, K. (2001), Öffentlicher Raum - von was ist die Rede? in: Jahrbuch Stadterneuerung 2001, Arbeitskreis Stadterneuerung an deutschsprachigen Hochschulen zusammen mit dem Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin, Berlin, S.21-34



Orte
... Unverwechselbare kleinräumliche Bedingungen, die zum Verweilen einladen: Ecken, Monumente, Plätze, Eingänge ...Orte können integriert sein (Ecke eines Platzes) oder exponiert sein (Eingang zu einer Kirche auf einer Anhöhe)



Öffentliche Räume/ Private Räume
... Öffentliche und private Räume sind nur mit Einschränkung definitorisch voneinander abzugrenzen. Übergänge sind fließend, abhängig von der Durchlässigkeit für Blick- und Wegebeziehungen. Die räumliche Gestalt der Übergänge, - Trennung und/ oder Verbindung -, bestimmt, welchen Charakter die Räume entweder für den Schutz von Privatheit oder für die Zugänglichkeit von Öffentlichkeit haben.

AGB Bericht No. 49 (2002), Was ist los mit den öffentlichen Räumen?. Analysen, Positionen, Konzepte. Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur
Allpass, J. (1993), The Development of Public Space as the Basis for Urban Life, in: Montanari, A., Curdes, G., Forsyth, G. (eds.), Urban Landscape Dynamics, A Multi-level Innovation Process, Part II, Innovation and Urban Development: Selected Items, Urban Europe Series, Avebury, Aldershot, S. 337-371
Arendt, H. (1981), Vita Activa, oder vom tätigen Leben, Serie Piper, München, Zürich



Obsolete Muster
... Unter Aspekten des bevorstehenden Strukturwandels werden industrielle Muster der Siedlungsentwicklung (flächenhafte Konzentration und Spezialisierung von Funktionen) und ihre Entstehung (infolge der politischen Förderung von Gewerbesteuererbringern) als überkommen und nicht mehr tauglich für bevorstehenden Wandel betrachtet. Gegenstück zur flächenhaften Konzentration ist die Kleinteiligkeit, die nahezu zwangsläufig als Muster von Erschließung und Parzellierung entsteht, wenn großflächige Brachen der Umnutzung zugeführt werden. Sie könnte auch Maßgabe für andersartige Prozesse der politischen Entscheidungsfindung sein.



Partizipation
... Die Beteiligung von Gruppen und Schichten der Bevölkerung bei der Abwägung von Belangen und bei der Zielfindung zu räumlichen Konzepten hat ihre Tradition im §3 des Baugesetzbuches. Darin ist der Gemeinde freigestellt, wann und unter welchen Bedingungen sie Bürger beteiligt. Zunehmend wird die Gemeinde selbst vor die Aufgabe gestellt, Visionen für den Strukturwandel in ihrem Stadtraum entwickeln zu müssen. Die dafür zuständigen Bürger sind nicht immer vorhanden oder aber bei solch umfassenden Fragen überfordert. Es stellt sich die Frage nach der „Regierbarkeit“ der Städte, wenn die Bürger nicht in der Lage sind, im Verhältnis zur laufenden Entwicklung Ziele zu konzipieren.

Professionelle Analysen, Bewertungen und Perspektiven, die einen Rahmen für Visionen und deren unmittelbare Übersetzung in Handlungsschritte

bieten, sind dementsprechend zunehmend als Hilfen gefragt. Das vorliegende Projekt bietet einen solchen Ansatz zur Bestimmung örtlicher Besonderheiten in den drei größten Städten von Sachsen-Anhalt. Es regt die Mitarbeit der Kommunen und auch das Gespräch der Kommunen miteinander an. Wesentliches Mittel der Kommunikation hierfür sind die digitale Datenverarbeitung und das Internet, die - als geeignete Medien - die gesamträumlichen Darstellungen und ihre ganzheitlich konzipierten Zusammenhänge für unterschiedliche Gruppen der Bürger sowie für Politiker und Planer erfassbar machen und damit Anhaltspunkte für eigene Ideen liefern.

Wiese v. Ofen, I. (2001) Kultur der Partizipation. Beiträge zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung bei der Räumlichenlanung, DV - Gesellschaft des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung mbH



Perspektiven
... Perspektiven der Qualifizierung beziehen die Tendenzen der rückläufigen Quantität von wirtschaftlichem Wachstum grundsätzlich und unter Aspekten von „worst case“ ein. Sie bestimmen vor diesem Hintergrund die Ziele einer qualitativ ausgerichteten Entwicklung, vor allem über Szenarien. Sie nehmen langfristige Entwicklungen der nächsten 50 Jahre in den Blick und bestimmen hinsichtlich dieser Ausrichtung kurz- und mittelfristige Ziele, die der Langzeitentwicklung nicht entgegenstehen (s.a. Qualifizierung und Wandel).

Hardt, H., Heise, P. (Hrsg.) (2001), Urban-vision-twenty-thirty. Europäische Stadtvisionen als innovatives Instrument der urbanen Zukunftsgestaltung, Europäische Schule für Städteplanung Xanten, 4. Xantener Stadtkongress, Verlag Praxiswissen



Produktion von Stadt
... Die Gründung, Erweiterung, Verdichtung und Umnutzung von Stadträumen ist Ausdruck gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Produktion und Reproduktion ihrer Zeit am jeweiligen Ort. Die räumliche Organisation der Funktionen entspricht dabei der herrschenden Logik gesellschaftlicher Regeln und den dadurch bestimmten Möglichkeiten der Verwertung von Boden und Kapital mit Bezug zu den Möglichkeiten der Technologie und den Erkenntnissen zum Ausgleich gesellschaftlicher Benachteiligungen.

Zu Zeiten des flächenhaften wirtschaftlichen Wachstums der Industrialisierung dienten Städte vor allem der kollektiven Nutzung von Standortvorteilen. Die Standortvorteile beruhten auf der Funktion ursprünglich natürlicher Lagevorteile, z.B. am Wasser und betrafen Vorteile für Produktion, Lagerung, Transport zuerst mit Hafen- dann zusätzlich mit Bahn- und später mit Autobahnanschlüssen). Die staatliche Unterstützung einer Produktion von Stadt diente räumlich in erster Linie der Aufschließung dieser Standortvorteile über Transportsysteme. Die „Lebenswelten“ der ökonomischen Basis der Gesellschaft waren aufgrund der zunehmenden Konzentration von Kapital und der resultierenden Trennung von Raum und Zeit von den „Systemwelten“ der politischen Führung räumlich getrennt; Verbindungen wurden über die ausgleichenden Einflüsse der „Systemwelten“ auf die „Lebenswelten“ (Geld) erfahren.

Die nachindustrielle Entwicklung, dezentral an einzeln Orten und in Konkurrenz der Orte zueinander, ist weitgehend unabhängig geworden von der Funktion von Standorten. Sie sucht Standortvorteile in der Beschaffenheit von Raum und Umwelt zugunsten der Einbettung von Arbeits- und Wohnnutzungen in qualitativ hochwertige Lebensräume. In diesem Sinne hat die Qualität des Raumes eine Funktion erhalten und ist zum Gegenstand der Produktion von Stadt geworden. Die „Lebenswelten“ der ökonomischen Basis der Gesellschaft sind zunehmend auf sich gestellt; Abhängigkeiten von den „Systemwelten“ bestehen in Form der Grundrechte auf Wohnen, Ernährung und Gesundheit sowie Bildung. Die Realisierung dieser Grundrechte erfordert zunehmend örtliche Initiativen und Verantwortungsübernahme einzelner und Gemeinschaften. Die umfassende Trennung von Raum und Zeit wird damit unter neuen historischen Vorzeichen aufgehoben. Die „Systemwelten“ haben ihren unmittelbaren Einfluß auf die Produktion von Stadt reduziert . Eine Unterstützung erfolgt auf vielen Ebenen ausgleichend (s. Programm „Soziale Stadt). Die Unterstützung ist vermittelt über Förderprogramme und Steuerleichterungen. Ein Wechsel der Ausrichtung im Sinne einer Unterscheidung von industriellen Programmen ist noch nicht zu erkennen.

Berger, J. (Hrsg.) (1986), Die Moderne - Kontinuitäten und Zäsuren, Soziale Welt, Sonderband 4, Verlag Otto Schwartz + Co. Göttingen
Castells, M. (1977), Die kapitalistische Stadt, Ökonomie und Politik der Stadtentwicklung, VSA, Hamburg, Berlin
Giddens, A. (1996), Konsequenzen der Moderne, suhrkamp taschenbuch, wissenschaft 1295, 1. Auflage, Frankfurt a. M.
Fischer, K. (1970) Telekommunikation, Raumordnung und regionale Strukturpolitik, in: Kommunalwissenschaftliche Schriften des Dt. Landkreises, Bd. 7, Diss., Universität Kaiserslautern, Fundstelle: Breil, M., Stallmann, D. (1985) Stadtentwicklung und neue Technologien, Vertiefungsarbeit am Lehrstuhl für Planungstheorie, Fakultät für Architektur, RWTH Aachen
Franck, G. (1998), Ökonomie der Aufmerksamkeit, Carl Hanser Verlag, München
Georg Frank (1998), Ökonomie der Aufmerksamkeit, Carl Hanser Verlag, München, Wien
Krätke, S. (1991), Strukturwandel der Städte, Städtesystem und Grundstücksmarkt in der ‚post-fordistischen‘ Ära, Campus Verlag, Frankfurt a.M.; New York
Krätke, S. (1995), Stadt. Raum. Ökonomie, Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Stadtforschung aktuell, Band 53 Helmut Wollmann (Hrsg.), Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin
Mackensen, R. (Hrsg.) (2000) Handlung und Umwelt, Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie, leske + buderich, Opladen
Lefèbvre, H (1991) The production of space, Blackwell, Oxford
Luhmann, N. (1996), Die Wirtschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Schubert, H. (2000), Grundlagen für die Erneuerung des öffentlichen Stadtraumes, in: Jahrbuch Stadterneuerung, TU Berlin, S.11-28
Matthiesen, U. (Hrsg.) (2002), An den Rändern der deutschen Haupstadt, Suburbanisierungsprozesse, Milieubildungen und biographische Muster in der Metropolenregion Berlin-Brandenburg, leske+buderich, Opladen
Schubert, H. (2000), Städtischer Raum und Verhalten, Zu einer integrierten Theorie des öffentlichen Raumes, Leske + Budrich, Opladen



Qualifizierung
... Vorrangiger Gegenstand von Qualifizierung ist die „Schrumpfende Stadt, die flächenmäßig wächst“. Örtliche Besonderheiten der Städte werden gesucht als Rahmen für die Stärkung von Standorten der Bodennutzung, die für den Wandel „reif“ sind. Dabei erhält das Gefüge öffentlicher und privater Räume, - als Träger von regionaler und örtlich besonderer Geschichte und als Schnittstelle zwischen großräumlicher Lesbarkeit und kleinräumlicher Nutzbarkeit der Stadträume -, eine zunehmende Bedeutung als „weicher Standortfaktor“ der Stadträume. Es ist primärer Ausdruck der Wahrnehmbarkeit der individuellen Charakteristik einer Stadt oder eines Ortes. Zugleich ist es Informand für die tradierten und für die noch zu bestimmenden, innovativen „Entwicklungspfade“ in einer Stadt.

In diesem Sinne sucht die Forschung einerseits nach historischen Merkmalen und Triebkräften der regional und örtlich besonderen Entwicklung der Städte, die Wandel aufgenommen und getragen haben. Und sie sucht zugleich perspektivisch nach Merkmalen, die für aktuellen und bevorstehenden Wandel tauglich sind. Die perspektivischen Merkmale des Wandels können Anregung in historischen Merkmalen finden, werden aber nicht mit diesen identisch sein.

Der Strukturwandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie, der die angestrebte Qualifizierung der Städte tragen muß, wird Neuerungen in der räumlichen Organisation von Funktionen unweigerlich mit sich bringen. Er wird aber möglicherweise auch vorhandene Werte in neuem Licht erscheinen lassen, die bisher den Prinzipien industrieller Verwertung von Flächen im Wege standen. Dies können durchaus aus heutiger Sicht „archaisch“ anmutende Bedingungen sein.

Es wird angenommen, daß die Anforderungen an nachindustrielle Lebensbedingungen neue Anforderungen an die Beschaffenheit und die Prozesse der „Produktion von Stadt“ richten werden. Diese Anforderungen werden zunehmend auch quantitativ eine Bedeutung erlangen, soweit die digitale Vernetzung von Arbeits- und Lebensbedingungen neue Bedingungen für die räumliche Organisation von Funktionen hervorbringt. Wesentliches methodisches Mittel der Annäherung an Perspektiven für eine Qualifizierung sind Szenarien.

Fellner, A., Gestring, N. (1990), Zukünfte der Stadt. Szenarien der Stadtentwicklung. Beiträge der Uni Oldenburg zur Stadt-Regionalplanung H. 6



Ränder der Raumstrukturen
... Ränder werden als zeitbedingte Ausdehnung von Besiedlung verstanden; „Zwischenzonen“ werden hier einbezogen. Für Phasen der Ausdehnung der europäischen Stadt werden grundsätzlich unterschieden:

Ränder innerhalb von Wallanlagen, zuerst entlang der stadtauswärts führenden Tor-straßen
Ausdehnung der Ränder entlang der überregionalen Straßen nach Schleifung der Wallanlagen
Ränder der „patch work”-artigen Anlagen früher industrieller Ansiedlungen gegenüber weiten unbebauten Flächen zwischen den überregionalen Straßen
Ränder der Auffüllung industrieller Siedlungsbereiche zwischen den überregionalen Straßen nach “außen”
„Innere” Ränder der Siedlungsentwicklung der 1920er Jahre als gestaltete Ränder gegenüber Parkanlagen und Agrarflächen
“Innere” Ränder infolge der Führung monofunktionaler (Hoch-)Straßen durch Siedlungsgebiete und Parkanlagen (seit 1955)
„Äußere” Ränder der neuen Siedlungseinheiten der 1960er-70er Jahre seitlich der überregionalen Straßen mit Streuung von hochgeschossiger Wohn-Bebauung in Grüngürtel, mit Fußwegenetzen, oft durch umgebende Gebiete niedriger Einfamilienhausbebauung und deren Wohnwege hindurch, in die Landschaft
Auffüllen von Freiflächen in Stadtrandlagen (seit den 1980er Jahren in Westdeutschland, seit 1990 in Ostdeutschland) ohne Konzepte zur Gestaltung oder Integration von Rändern oder zur Verknüpfung mit bestehenden Siedlungsräumen
Entstehung “innerer” Ränder durch Brachfallen von Industrie- und Bahn-Flächen
Entstehung “innerer” und „äußerer” Ränder durch Rückbau von Bebauung

Ränder werden auf ihre Merkmale „suburbaner“ oder „urbaner“ Qualitäten hin untersucht.



Raum
... Raum wird mehrdisziplinär verstanden als „Verflechtungsraum“ zwischen „Kommunika-tionsbeziehungen sowie materiell-physischen Transferbeziehungen“. Dieses Verständnis weicht ab von den Verständnissen von Raum als „Behälter“ oder als Lage, Zuordnung und Größe von Funktionsflächen (Krätke, 1995). Als materielle Basis des Verflechtungsraumes werden raumstrukturelle Voraussetzungen wie Durchlässigkeit, Vielfalt, Lesbarkeit und Robustheit vorausgesetzt (Bentley e.a., 1985). Diese Kriterien für die Raumbildung durch Verflechtung finden eine Entsprechung in den Raum-Syntax-Theorien zur Bewegung in Räumen im Verhältnis zu der Art der Integration von Flächennutzung und Bebauung in Systeme öffentlicher Räume (Hillier,1996). Andere inhaltliche Überschneidungen gibt es mit den Erklärungsmustern der „Selbstorganisation“ (Humpert, 1996, und Helbing e.a., 1994). Die „Selbstorganisation“ wird jedoch der Seite der zeitbedingt bestehenden Angebote von räumlichen Mustern der Siedlungsentwicklung und ihrer Nutzung durch Konsumenten zugeschrieben und der gesellschaftlichen Aktivität der „Produktion“ von Raum (s. Lefébvre, 1974) gegenübergestellt. Die „Produktion“ von Raum umfasst idealerweise Initiativen zur Bestimmung neuer Angebote für mögliche neue Nachfragen, die eine Synthese von gesellschaftlicher Basis und Überbau beinhalten. Die angestrebte Synthese zwischen „Produktion“ und „Konsumtion“ von Raum ist eine Ebene der Realisierung von Strukturwandel. Sie setzt im Sinne der „Einbettung“ von zeitbedingten Nutzungen in räumliche Gegebenheiten grundsätzlich Prozesse der Information und Beteiligung unterschiedlicher Nutzergruppen voraus.

Bentley, I., e.a. (1985) Responsive Environment, Architectural Press, Oxford Brookes University
Giddens, A. (1996), Konsequenzen der Moderne, suhrkamp taschenbuch, wissenschaft 1295, 1. Auflage, Frankfurt a. M
Hillier, B., Hanson, J. (1984) The Social Logic of Space, Cambridge University Press
Hillier, B. (1996) Cities as movement economies, in: Urban Design International, Volume 1, Number 1, Joint Centre for Urban Design, Oxford Brookes University
Hillier, B., (1996), Space is the machine, London
Humpert, K., Brenner, K., Becker, S. (1996) Das Phänomen der Ballung; in: Deutsches Architektenblatt, April, S. 584-587
Krätke, S. (1991), Strukturwandel der Städte, Städtesystem und Grundstücksmarkt in der ‚post-fordistischen‘ Ära, Campus Verlag, Frankfurt a.M.; New York
Krätke, S. (1995), Stadt. Raum. Ökonomie, Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Stadtforschung aktuell, Band 53 Helmut Wollmann (Hrsg.), Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin
Lefèbvre, H (1991) The production of space, Blackwell, Oxford



Raumbildend
... zugrunde liegt das mehrdisziplinäre Verständnis von „Raum“. In diesem Sinne sind Trennungen und Verbindungen zwischen Räumen unterschiedlicher Beschaffenheit und Nutzbarkeit „raumbildend“, d.h. „verflechtend“.



Räumliche Hierarchien
... Gefüge öffentlicher und privater Räume zeigen, je nach Ausdruck sozialer Bedeutung und Belebung Werte-Hierarchien im Stadtgrundriss. Diese Hierarchien sind von den rein funktionalen Hierarchien (z.B. der Bündelung von Verkehren) zu unterscheiden. Im Laufe der industriellen Entwicklung der „funktionalen Stadt“ sind räumliche Hierarchien zunehmend durch die Fragmentierung von Räumen. Diese geht einher mit Tendenzen der Heterarchisierung von Räumen.



Raumstruktur
... Raumstruktur wird verstanden als Gefüge von Elementen und Funktionen von Räumen, die durch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel instabil gehalten werden. Diese „Instabilität“ bezieht sich vor allem auf die Nachfrage nach Standorten der Veränderung, die, je nach wirtschaftlichen Anforderungen und gesellschaftlichen Werten, Ausdruck des Wandels treibender Kräfte sind. Folgende Grund-Typen von Raumstrukturen werden unterschieden:

Der Typ der kompakten Stadt mit dominantem Kern, ring-radialer Erschließung mit Kontinuität von Stadtstraßen bis zum Stadtrand und kranzförmig umschließender Landschaft, oft auch mit Grünfingern bis hinein zum Stadtkern. Dieser Typ hat in der Regel eine stark ausgeprägte Hierarchie der öffentlichen Räume mit Gefälle vom oberzentralen Marktplatz bis hin zu den zentralen örtlichen Plätzen der umgebenden Ortschaften in der Region und ist meist mittelalterlicher oder römischer Gründung. Er ist nur im Rahmen des gefestigten Gefüges der Raum-Hierarchien kleinteilig veränderbar.
Der Typ der mehrkernigen, fragmentierten Stadt mit dezentralen örtlichen Kernen, rasterförmiger Erschließung unterschiedlicher Transportarten in dichtem Netz, zum Teil rein verkehrsfunktionaler Straßen, Wasser- und Schienenwege und teilweise auch sehr alten, immer noch angebauten Überlandstraßen im verdichteten Netz der Stadtstraßen mit zwischengestreuten Grünzügen auf minder nutzbarem Boden zwischen den Stadtteilen vorwiegend industrieller Prägung. Dieser Typ weist in der Regel eine stark nivellierte Hie-rarchie öffentlicher Räume auf. Er ist vielfältig veränderbar und bietet in allen Lagen Zugriff für Wandel.
Den Typ der Mischung von kompakter und mehrkerniger Stadt, z.B. mit unterentwickeltem oberzentralen Kern (oft überformter mittelalterlicher Prägung) und lagebezogenem Ausdruck der konkurrierenden Anforderungen unterschiedlicher Triebkräfte der Wirtschaft an Transportwege und Flächen-inanspruchnahme. Dieser Typ bringt seine Besonderheiten der Entwicklung durch die örtlich besondere Verteilung der öffentlichen Räume und deren Beziehung zueinander zum Ausdruck. Eine gerade noch erkennbare Hierarchie des zentralen Kerns und ähnlich gewichtige Schwerpunkte in der Bedeutung der dezentralen öffentlichen Räume sind Ausdruck der Überformung der kompakten Stadt. Veränderungen sind in unterschiedlichen Lagen vielfältig möglich, erfahren jedoch größte Eingriffsbereiche in Form relativ konzentrierter Zonen industrieller Entwicklung von Wohn- und Gewerbeflächen in Bahnnähe und in Form industriell geprägten Zwischenzonen aus der Zeit seit 1960.

Die drei untersuchten Städte vertreten den Typ der überformten, kompakten Stadt in jeweils besonderer Weise. Das jeweils besondere Gefüge der öffentlichen Räume und ihrer Hierarchien/ Heterarchien wird als Ausdruck der Raumstruktur gesehen.

Curdes, G. (1991) Veränderungen des Europäischen Stadtsystems: Entwicklungslogik der Stadt, Vortrag auf der Jubiläumsveranstaltung „ 20 Jahre Kunstgeschichte, Planungstheorie und Städtebau und Landesplanung an der RWTH Aachen“ am 22. November
Curdes, G., Haase, A. (1993) Aachen, in: Montanari, A., Curdes, G., Forsyth, W.L. (Hrsg.), Urban Landscape Dynamics, A Multi-Level Innovation Process, Part I. Urban Settlement Innovation: Empirical Evidence, Urban Europe Series, Aldershot, S. 135-162
Curdes, G., Ulrich, M. (1997) Die Entwicklung des Kölner Stadtraumes. Der Einfluß von Leitbildern und Innovationen auf die Form der Stadt. Stadt-Raum-Innovation, Dortmund
Davelaar, E.J. und Nijkamp, P., (1990) Industrial Innovation and Spatial Systems: The Impact of Producer Services, in: Innovation and Regional Development, Strategies, Instruments and Policy Coordination, Ewers, H.-J. und Allesch, J. (Hrsg.), S. 83-122
Haase, A. (1989) Phänomene städtischer Veränderungsprozesse - Zur Relevanz der Stadtanalyse für aktuelle Fragen der Stadtentwicklung, in: Curdes, G., Haase, A., Rodriguez-Lores, J. (Hrsg.), Stadtstruktur: Stabilität und Wandel, Beiträge zur stadtmorphologischen Diskussion, Köln
Haase, A. (1993) Spatial Effects of „New Technologies“: An Approach to Process Analysis, in: Montanari, A., Curdes, G., Forsyth, L. (Hrsg), Urban Landscape Dynamics, A Multi-Level Innovation Process, Part II. Innovation and urban development: Selected items, Urban Europe Series, Aldershot, S. 313-336
Haase, A. (1996) Innovationen und Städtebau, in: Planerin, SRL-Mitteilungen für Stadt-, Regional- und Landesplanung, Juni, S. 20-26
Haase, A. (1999) Die Entwicklung des Duisburger Stadtraumes. Der Einfluß von Innovationen auf Räume und Funktionen. Stadt.Raum.Innovation., Dortmund



Raumwahrnehmung
... Die Wahrnehmung von Raum hat eine objektive und eine subjektive Seite. Die objektive Seite ist geprägt durch die materiellen Bedingungen der Beschaffenheit von Raum und ihren daraus erwachsenden immateriellen Werten (Freiheit individueller Nutzbarkeit, unbeschränkter Zugang für jedermann ...). Die subjektive Seite ist bestimmt durch gesellschaftliche Normen, Erziehung und Bildung sowie Einflüsse wirtschaftlicher Rationalität auf die Wahrnehmung (... weil ich diese und jene wirtschaftlichen Vorteile habe, sehe ich andere Bedingungen auch positiv, bzw. das Gegenteil ...). Betrachtet man Wahrnehmung generell als persönliche Stellungnahme zu materiellen Bedingungen, so spielen Alter, Erfahrung und Alternativen der Wahrnehmung eine ergänzende Rolle. Wichtig bei aller Wahrnehmung von Raum ist eine innere Verortung von Zeit, die den inhaltlichen Bezug zur Zeit voraussetzt.

„In ihrem Handeln stehen die Personen in Wechselbeziehung zu ihrer - sozialen, dinglichen, räumlichen - Umwelt, eignen sich diese an und gestalten sie mit um. Indem sie so handeln, machen sie Erfahrungen und bilden sich Vorstellungen, ohne welche weder ihre Erfahrungen noch ihre Vorstellungswelt, noch aber auch ihre soziale Welt denkbar sind. Angesichts des geringen Interesses, welches die Soziologie diesem Sachverhalt - mit wenigen Ausnamen - entgegengebracht hat, kann von einem sicheren Umgang der Soziologie mit dem Verhältnis von „Handeln und Umwelt“ nicht ausgegangen werden. Es geht dabei nicht um die gelegentliche Beschäftigung mit sozialen Vorstellungen vom „Raum“, um die Beschreibung ausgewählter Raumkonstellationen wie Arbeitsplatzsituationen, Wohnungen oder öffentliche Plätze; es geht vielmehr darum, die Gesamtheit des sozialen Handelns und der sozialen Institutionen in ihrer Raumbezogenheit und -abhängigkeit zu begreifen“.

Mackensen, R. (2000), Soziologische Lokaltheorie: Einführung, in Handlung und Umwelt, leske+buderich Opladen, S. 11-12



Robustheit
... Eine „Robustheit“ raumstruktureller Bedingungen herrscht dort vor, wo „offene Rahmen für unbekannte Prozesse der Veränderung“ strukturell in Form von Erschließung und Parzellierung gegeben sind. Die Veränderungen werden absehbar von unterschiedlichen Nutzergruppen im Laufe der Zeit vollzogen werden; sie werden von der Konkurrenz der Standorte in Region und Stadt um Investitionen bestimmt sein. Die Offenheit der Rahmen für unbekannte Prozesse gewährleistet Veränderung in der Art und Mischung von Nutzungen, in der Form und Dichte von Bebauung und Freiräumen. Sie bestimmt jedoch die öffentlichen Räume als solche in ihrer Komplementarität zu den privaten Räumen. Diese werden durch die Anlage der öffentlichen Räume und durch die Ausrichtung der Bebauung zu ihnen in ihrer vielfältigen Nutzbarkeit gestützt.

„Robustheit“ ist neben „Durchlässigkeit“, „Vielfalt“ und „Lesbarkeit“ Kriterium für die Qualität stadträumlicher Bedingungen.

Bentley, I., e.a. (1985) Responsive Environment, Architectural Press, Oxford Brookes University



Segregation
... Die unfreiwillige Entmischung der Bevölkerung mit dem Ergebnis des Zurückbleibens immobiler Gruppen der Bevölkerung wird als „Segregation“ bezeichnet. Der Prozess, der dieses Phänomen bestimmt, ist Ergebnis eines mangelnden Ausgleichs zwischen „Systemwelten“ und „Lebenswelten“. Meist haben die Zurückgebliebenen nicht mehr die psychische Kraft, ihre zunehmende Verarmung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens durch eigene Aktivitäten zu wenden. Dramatisch sind generationen-übergreifende Verkettungen von Arbeitslosigkeit, wie sie in den „historischen“ schrumpfenden Städte Großbritanniens (Liverpool und Glasgow) gebietsweise bekannt sind.



Sicherheit
... Der freiwillige Zusammenschluß sozialer Gruppierungen zu „gated communities“ in Amerika zeigt, daß - zugunsten der sozialen Sicherheit dieser Gruppen in ihrer Wohnumgebung -, andere Gruppen der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Ein gesamt- gesellschaftlicher Ausgleich zwischen unterschiedlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen ist dadurch nicht gewährleistet; es wird eher Zündstoff für soziale und politische Konflikte erzeugt.

Eine andere Art der Sicherheit wird von ethnischen Gruppen der Bevölkerung gesucht, die ihre kulturellen Besonderheiten (z.B. Religion) in geschütztem Raum dem umfassenden Einfluß der Systemwelten des beherbergenden, andersartigen Landes entziehen wollen.

Diesen Vorstellungen der Trennung von unterschiedlichen Lebenswelten stehen immer noch europäische Vorstellungen von „gesunder sozialer Mischung“ entgegen (s. Baugesetzbuch, § 1). In Großbritannien wird die „soziale Mischung“ in Neubau- und Stadtumbauprogrammen versteckt durch gemischte Subventionierungen mit öffentlicher Anschubförderung eingeleitet.



Stadt/ Landschaft
... Der Begriff „Stadt“ bezieht sich auf den jeweiligen Typ von Raumstruktur, der im Laufe der Geschichte herausgebildet wurde. Infolge der anhaltenden Suburbanisierung in West- und Ost-Europa ist der Begriff der „Agglomeration“ an die Stelle des Begriffs „Stadt“ getreten.

In der Umgangssprache wird „Stadt“ als der Haupteinkaufsbereich, meist Stadtmitte, betrachtet. Der mittelalterliche Begriff der Stadt mit tiefen, individuellen Gärten hinter der Bebauung ist in Vergessenheit geraten.

Übergänge zur Landschaft sind im Zuge von Sub-Urbanisierung seit etwa 1910 mit den zeitbedingten Leitbildern des Städtebaus konfrontiert worden. Gerade in Ostdeutschland war der Bruch zwischen Stadt und Landschaft seit der Nachkriegszeit an vielen Stellen sehr abrupt gestaltet durch vielgeschossige Mietwohnungsbauten und flächenextensive Gewerbebauten. Dieser ausgeprägte „Stadt-Land-Gegensatz“ der industriellen Moderne findet jedoch viele Gegenbeispiele aus der Zeit bis 1930 in allmählichen Übergängen auf tiefen privaten Gärten hinter niedriger, dörflicher Bebauung zur Landwirtschaft und/ oder Landschaft.



Stadtumbau
... Stadtumbau bezeichnet alle Erfordernisse und Handlungen der Anpassung von Raumstrukturen an die Anforderungen des Struktur-Wandels. Dies betrifft:

Re-Vitalisierung (Erhaltung, Schutz und Pflege von Gegebenheiten und ihre behutsame Erneuerung durch kleinteilige Maßnahmen der Bebauung und Begrünung),
Rückbau (Abriß von nicht mehr nachgefragten Segmenten der Immobilienmärkte und Attraktivierung der freigeräumten Flächen für eine neue Integration in den Stadtraum) und
Struktur-Wandel (Vorbereitung der Stadträume auf umfassende Veränderungen, Suche nach Orten und tauglichen Mustern für langfristigen Wandel einschließlich der Maßnahmen von Revitalisierung und Rückbau).



Typologien städtebaulicher Anordnung von Bebauung und Freiräumen
... Seit der Wende wurde zwar der Anschluß an die internationale Tendenz der „Individualisierung“ in Ostdeutschland gefunden. Aber eine Kultur der Herstellung struktureller Bedingungen für die Erfahrung und Ausübung privater Tätigkeiten im Kontrast zu öffentlichen Räumen ist seit den1930er Jahren in Vergessenheit geraten und seitdem nicht wieder neu entstanden.

Als Grundlage für die Erörterung einer solchen Kultur wurde eine kleinräumliche Unterscheidung von Typen der Anordnung von Bebauung und Freiräumen unter besonderer Berücksichtigung vorhandener Anordnungsformen in den drei Städten erarbeitet.

Querschnittsaspekt für die Beurteilung von Lesbarkeit und Nutzbarkeit auf ist die Ausrichtung der Bebauung zur Haupterschließung, bzw. die Trennung/ Verbindung von vorderen und rückwärtigen Bereichen. Dieser Querschnittsaspekt kann einer neuen Interpretation der Moderne gerecht werden und auch eine raumbildende und somit für die Nutzbarkeit qualitativ hochwertige Integration von größeren Freiräumen in den Städten offensiv unterstützen. Als Basis und Grundeinheit solcher Konzepte wird die Parzelle (mit großen Freiraumanteilen) gesehen. Architektonisches Beispiel einer nicht historisierenden Lösung der Trennung/ Verbindung öffentlicher Straßennutzung und eingeschränkt öffentlicher Grundstücks-Nutzung ist ein Museum mit umgebendem Garten hinter einer Glaswand in Paris (Foundation D‘ Art Contemporaine, Architekt Jean Nouvel).

Der Raum der zweiten Moderne und auch der Postmoderne ist der „nur teilweise raumbildende, eher vom Prinzip des fließenden Raumes bestimmte Raum“ ohne eindeutige Trennung/ Verbindung vorderer und rückwärtiger Bereiche. Dieser Raum ist vor allem erfahrbar als Raum für Aufenthalt, Nutzung und Begegnungen, abhängig von Zeit, Ort und subjektiver Wahrnehmung, auch und vor allem erfahrbar als Übergang zu „Landschaft in der Stadt“.

Arendt, H. (1981), Vita Activa, oder vom tätigen Leben, Serie Piper, Mühn, Zürich
ISL, Institut für Städtebau und Landesplanung der RWTH Aachen (1997) Grün. Raum. Struktur, Zur Komplementarität von Bebauungs- und Grünsystemen im Innenbereich der Stadt Aachen, Aachen



Urbanität
... Im Gegensatz zu den herrschenden Tendenzen der Suburbanisierung, vor allem in Zwischenzonen, - wo individuelle Nutzungen den öffentlichen Raum unerkennbar machen -, strebt die Forschung eine Qualifizierung an für diejenigen Orte in Kernen und Rändern, die gesamträumlich von Bedeutung sind für eine Stärkung der Stadtprofile. Die raumstrukturellen Voraussetzungen für Urbanität werden hier gesehen in dem wechselseitigen Schutz der Öffentlichkeit und der Privatheit voreinander, zugleich jedoch in der räumlichen und funktionalen Verflechtung von beidem miteinander,- dies auch und vor allem zugunsten der Stärkung lokaler Ökonomien innerhalb von Quartieren. Der öffentliche Raum hat die Aufgabe der räumlichen Verbindung. Der private Raum hat die Aufgabe, den räumlichen Rahmen für diese Verbindung herzustellen.

Urbanität ist im Verhältnis zu der jeweiligen Kultur ihrer Nutzer zu sehen: Ethnische Gruppen brauchen Schutz im Quartierszusammenhang. Die Durchlässigkeit für Fremde im öffentlichen Raum, - wenigsten in zentralen Räumen zwischen angrenzenden intimeren Zusammenhängen -, ist Garant für Urbanität.



Verflechtung
... Die Verflechtung von Nutzungen begann mit dem Austausch von Produkten und Informationen zwischen Stadt und Land, solange es Städte gibt. Die industrielle Entwicklung führte zur globalen Verflechtung von Dienstleistungen und zur Trennung von Raum und Zeit. Die nachindustrielle Entwicklung ist auf neue Verbindungen zwischen Raum und Zeit angewiesen, um entortete Nutzungen in soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge „einzubetten“.



Verflechtungsraum
... Die Trennung/ Verbindung öffentlicher und privater Räume ist ein wesentliches strukturelles Merkmal von „Verflechtungsräumen“. Zugrunde liegt ein mehrdisziplinäres Verständnis von Raum. Dieses Verständnis umfaßt die strukturellen Bedingungen für den Austausch von Gütern und Leistungen und, entsprechend, für den Aufbau und die Ausübung lokaler Ökonomien.

Deekeling, A. (2001), Entwicklung der lokalen Ökonomie in Duisburg-Beeck, Fachbereich 6/ Geographie, I. Staatsprüfung, Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt, Duisburg (Manuskript)
Krätke, S. (1995), Stadt. Raum. Ökonomie, Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Stadtforschung aktuell, Band 53 Helmut Wollmann (Hrsg.), Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin



Vielfalt
.... Die Vielfalt von Nutzungen und Formen im Stadtraum dient der Nutzbarkeit und der Wandelbarkeit von Stadtteilräumen. Sie schließt Lesbarkeit nicht aus. „Vielfalt“ ist neben „Durchlässigkeit“, „Lesbarkeit“ und „Robustheit“ wesentliches Kriterium für die Qualität stadträumlicher Bedingungen.

Bentley, I., e.a. (1985) Responsive Environment, Architectural Press, Oxford Brookes University



Wandel
... Wandel von Raum und Raumstruktur wird betrachtet als Folge sowie als Anregung gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Wandels. Politische Einflüsse können treibende oder verzögernde Wirkung auf die „Produktion“ und die „Konsumption“ von Raum haben. Prozesse der „Selbstorganisation“ können dazu beitragen, eine „Produktion“ von Raum zu verbreiten, wenn diese erst einmal als Innovation eingeführt worden ist.

Die „Randwanderung“ von Siedlungsansprüchen in Europa, sowohl von den Stadträndern wie auch von den Stadtkernen her, ist aktueller Ausdruck wesentlicher Triebkräfte des Wandels in Politik und Konsumentenverhalten. Diese Kräfte werden getragen von steigenden Flächenansprüchen der Nutzer und neuen Verständnissen von Raum, die nicht mehr in funktionalistischer Weise nur zweckrational sind, sondern die eine Inszenierung von Raum und Umwelt als zunehmend bedeutsamen Bestandteil der Qualität von Lebenswelten sehen. Daneben stehen nach wie vor zweckrationale Ansprüche an die Bodennutzung, die aktiv in erster Linie der Verwertung von Lagewerten dienen und passiv die bestmögliche Ausnutzung von Flächenangeboten zum jeweiligen Preis nachfragen. Aber diese Motive sind miteinander verknüpft; neue Flächenangebote erzeugen neue Raumansprüche.

Historische Beispiele „schrumpfender Städte“ (z.B. Liverpool und Glasgow) zeigen, daß die jahrzehntelangen Schrumpfungsprozesse die Randwanderung nicht aufgehalten, sondern eher gefördert haben („schrumpfende Stadt, die flächenmäßig wächst“). Sie zeigen aber auch, dass die Revitalisierung der Städte innerhalb bestehender Teilräume in Verbindung mit neuen Angeboten von Freiräumen (auf den Grundstücken abgerissener Gebäude) neue Chancen erhalten hat. Wo möglich, wuchs der Anteil der öffentlichen Räume auf ehemals privaten Flächen (großflächige Umwandlung von Industrie- und Hafenarealen zu neuen Stadträumen; kleinteilige Ausdehnung von temporären privaten Nutzungen, wie Gastronomie, auf Nachbargrundstücke). Der Grundstücksmarkt erhielt dadurch ein niedrigeres Preisniveau, das lokale Ökonomien in ihrer nischenhaften Entwicklung unterstützen konnte.

Krätke, S. (1991), Strukturwandel der Städte, Städtesystem und Grundstücksmarkt in der ‚post-fordistischen‘ Ära, Campus Verlag, Frankfurt a.M.; New York
Krätke, S. (1995), Stadt. Raum. Ökonomie, Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Stadtforschung aktuell, Band 53 Helmut Wollmann (Hrsg.), Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin



Wandelbarkeit
... Die Bewertung struktureller Bedingungen für Wandel geht aus von dem Wissen um die Bedeutung der sogenannten „gefangenen Faktoren“ der Siedlungsentwicklung:

„Wenn Globalisierung der Märkte zu einem verstärkten Standortwettbewerb führt, so dreht sich dieser neue Wettbewerb nicht nur um die mobilen Faktoren (wie Arbeit, publiziertes Wissen und Kapital), sondern ebenso um die gefangenen Faktoren (wie landschaftliche Gunstfaktoren, Infrastrukturen und Institutionen), die geographisch gebunden sind und ein regionales Produktionssystem auszeichnen“ (s. Messerli, 2001). In diesem Sinne verfolgt die Forschung den Weg von historischen zu aktuellen Räumen der Erneuerung von Stadt.

Dieses Interesse geht einher mit der Forschungserfahrung, daß Krisen nach Vorübergehen der Schockwirkung (etwa 10 Jahre nach der industriellen Krise in Westdeutschland) brauchbare Voraussetzungen für die Bereitschaft zur Aufnahme von Neuerungen begründen. Dies wird begleitet durch die Erfahrung, daß der Fortbestand bestimmter struktureller Bedingungen mit der Neuerung andersartiger, ergänzender struktureller Bedingungen (z.B. Fortbestand der Straßen und Veränderung der Siedlungsstruktur, oder Fortbestand zentraler Orte und Veränderung der Nutzungsart) innovative Synthesen eingeht. Diese Erfahrung hat ihren Grund darin, daß bestimmte Bedingungen von Lage und Nutzbarkeit sowie Tradition einer Standortgunst (z.B. Hafen) offen dafür sind, immer wieder in neuer Weise in Anspruch genommen zu werden. Perspektiven für die periodische Erneuerung der Stadträume durch Wandel betreffen dementsprechend eine Bestimmung und eine Sicherung des Fortbestandes von strukturellen Bedingungen für solche Arten der Standortgunst und deren fortgesetzte Neuerungen.

Messerli, P. (2001), Innovationsräume in Vergangenheit und Gegenwart - Versuch einer Synthese, in: Schwinges, R., C., Messerle, P., Münger, T. (Hrsg.) Innovationsräume, Woher das Neue kommt - in Vergangenheit und Gegenwart, Akademische Kommission Universität Bern, vdf, Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, S. 17-28



Zugänglichkeit
... Die Zugänglichkeit von Räumen privater oder öffentlicher Art ist ein wesentliches Kriterium für die Qualität und die Wahrnehmbarkeit raumstruktureller Bedingungen. Zugänge sind möglich, wo Öffnungen bzw. nicht vorhandene Zugangsbeschränkungen Zugang gewährleisten. Diese Tatsache betrifft räumliche und sozialräumliche Bedingungen. Zugänglichkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für das Zustandekommen von Mischung und Vielfalt.



Zwischenzonen
... Zwischenzonen sind Bestandteile von Rändern der Raumstrukturen. Sie werden hier gesondert erwähnt als flächenhafte Siedlungsanlagen aus der Zeit seit 1930, die zeitbedingt äußere Randbereiche der Siedlungsräume gebildet haben und im Laufe fortgesetzter Suburbanisierung von „innen“ und von „außen“ her durch eine Aufweitung von Besiedlung meist monofunktionaler Art ergänzt oder überformt wurden. Sie sind überwiegend Ergebnisse massenhaften Wohnungsbaus oder schnell und billig erstellten Gewerbebaus auf ehemals preisgünstigen Flächen der „grünen Wiese“. Obwohl meist jüngeren Entstehungsdatums, sind ihre Bedingungen konkurrierender Bodennutzung und mangelnder Gestaltung, insbesondere mangelnder Eindeutigkeit in der Fassung öffentlicher Räume und überwiegender Dominanz der Funktion von Autoverkehren in den öffentlichen Räumen, Gründe, um über Perspektiven dieser Zonen kritisch und kreativ nachzudenken. Insbesondere die krassen Übergänge zwischen Stadt und Land, die seit den 1960er Jahren entstanden sind, sind ein interessanter Gegenstand der Betrachtung von Gebrauchs- und Gestaltwerten in diesen Räumen.

Sieverts, T. (1996), Die Gestaltung des öffentlichen Raumes, in Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik (Hrsg.) Die Stadt - Ort der Gegensätze, Sonderheft der Demokratischen Gemeinde, Bonn, S. 156-162
Sieverts, T. (1998), Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. 2. Auflage. Braunschweig/ Wiesbaden
Sieverts, T. (1999), Was leisten städtebauliche Leitbilder? in: Becker, H., Jessen, J., Sander, R. (Hrsg.) Ohne Leitbild? Städtebau in Deutschland und Europa, Wüstenrot Stiftung, Deutscher Eigenheimverein, Stuttgart und Zürich, S. 21-40
Sieverts, T. (1999), Die Stadt in der Dritten Moderne, Vortrag im Rahmen der Tagung „Architektur als Element des Städtischen, Oktober, Köln
Sieverts, T. (2001), Jenseits von Zwischenstadt: Die Regionale als Mobile. Ein Beitrag zu einer gestaltenden Regionalplanung, in Brake, K., Dangschat, J. S., Herfert, G. (Hrsg.) Suburbanisierung in Deutschland. Aktuelle Tendenzen, Leske und Budrich, Opladen, S. 236-245
Sieverts, T.(2001), Zeiten der Stadt, Zeiten der Politik, Zeiten der Planung, in: RaumPlanung 99, Dezember
Sieverts, T. (2002), Die verstädterte Landschaft - die verlandschaftete Stadt. Zu einem neuen Verhältnis von Stadt und Natur, in: Wilhelm, K., Langenbrinck, G. (Hg.), City-Lights, Zentren, Peripherien, Regionen, Interdisziplinäre Positionen für eine urbane Kultur, Böhlau Wien, Köln, Weimar, S. 154-164
Winkel, R. (2002), Schrumpfung und ihre siedlungsstrukturellen Wirkungen, in: RaumPlanung 101, S. 99-103
Winkel, R. (2001), Weg von Rand?Zur Endlichkeit von Suburbanisierung, in: PlanerIn, Heft 3, 15-17