Langfristige Perspektiven

Das Forschungsprojekt geht davon aus, dass die Identifizierung und Pflege der örtlichen Besonderheiten als „weiche Standortfaktoren“ die Erneuerung der Städte tragen wird.

Diese Ausrichtung gibt den Städten eine wirtschaftliche und raumstrukturelle Bedeutung als „Individuen“. Sie bestimmt eine wesentliche Aufgabe für das Land Sachsen-Anhalt - parallel zur Erfüllung von Rückbau: Sorge zu tragen für eine an örtlichen Besonderheiten ausgerichteten Qualifizierung von Stadträumen, an den Orten, die bereits eine Tradition von Erneuerung haben und die für Erneuerung weiterhin tauglich sind.

Pflege und Aufbau solcher Bedingungen werden derzeit nur m. E. geleistet durch die Verteilung von öffentlichen Mitteln für die Stadterneuerung. Im Widerspruch zu der bereits ansatzweise integrierten neuen Logik der Bodenmärkte werden in ostdeutschen Städten in der Regel mit einem Anteil von wenigstens zwei Dritteln (Beispiel Halle) immer noch die großflächigen, monofunktionalen Besitzstände der Wohnungsbaugesellschaften vorrangig gefördert.

Das politische Votum hierfür ist verständlich: nach so vielen Jahrzehnten der staatlichen Unterstützung und des Aufbaus von technischer und sozialer Infrastruktur kann die einmal hergestellte Kontinuität der sozialen Sicherung dieser Art von Lebensräumen nicht plötzlich abgebrochen werden. Und: Auch hier findet Verflechtung statt, obgleich die Verflechtungen großräumlicher angelegt sind als in Teilräumen aus der Zeit vor 1930. Auch hier werden lokale Ökonomien aufgebaut und fortgeführt, obgleich man sie im Straßenbild nicht erkennt; nur die Klingelschilder lassen eine kleinteilige Nutzungsmischung in Wohnungen oder Etagen erahnen. Vollzogene Versuche zur Umstrukturierung von Großwohnsiedlungen haben allerdings gezeigt, dass die systematische Integration von Arbeitsnutzungen derzeit noch für zu teuer gehalten wird und langfristig, - nach Umsetzung der aktuellen Pioniervorhaben zum Umbau von Plattensiedlungen -, auch erst mal wenig Chance auf Realisierung besteht, solange die aktuellen Umbaukonzepte selbst noch keine Verbreitung finden4.

Bei der perspektivischen Stärkung von Lagen werden jedoch auch die Folgen von Generationswechseln zu bedenken sein:

Wenn die jetzigen Hauseigentümer in den verbliebenen Dörfern sterben, ist zu erwarten, dass ihre Kinder, die in die modernen Großwohnsiedlungen ausgezogen waren, aus vielfältigen Gründen (kostengünstige Wohnbedingungen im Eigentum, ebenerdige Wohnungen für die auch älter Werdenden, Umstellungen auf dem Arbeitsmarkt und Orientierung hin zur familienbezogenen Selbständigkeit) -, in die Dörfer zurückziehen5.
Wenn die verbliebenen Bewohner von Großsiedlungen, die als junge Familien dort in den 60er und 70er Jahren eingezogen sind, sterben, werden ganze Siedlungen schlagartig auf’s Neue leer. Es ist aufgrund herrschender Tendenzen zur Erweiterung von Wohnraum, nicht zu erwarten, dass diese Siedlungen, meist an den Stadträndern, dann wieder durch junge Familien neu belegt werden6.

Auch wird die heranwachsende Gesellschaft neue Ausdrucksformen ihrer „Produktion von Raum“ suchen. Junge Leute aller sozialen Schichten or-ientieren sich bereits jetzt zunehmend dorthin, wo sie sowohl landschaftliche attraktive wie auch privat gut nutzbare Freiräume in unmittelbarer Nähe zu Wohnung und Arbeitsstätten antreffen und auch Versorgungsangebote für alle Altersgruppen vorfinden (in den erhaltenen Dörfern, Kleinstädten und in den überformten Stadtranddörfern der großen Städte). Der (klein-)städtische belebte öffentliche Raum wird zunehmend Bedeutung erlangen für eine „Rückbettung“ von individuellen Lebenswelten.

Langfristig sinnvolle Synthesen groß- und kleinräumlicher Entwicklung werden nur auf dem Umweg über die Integration noch herrschender Prinzipien der Bodenmärkte mit hohen Anteilen an Monopolbesitz zu erreichen sein.

Das heißt für die langfristigen Perspektiven: Es gilt, Verflechtungsräume unterschiedlicher Art, Dimension und Lage zu stärken oder herzustellen, und sei es auch in bestimmten Lagen nur für eine vorübergehende Zeit.