Demografie und Wirtschaft

Dieser Abschnitt fasst Ergebnissen einer Studie zusammen, die am Bauhaus Dessau im Rahmen der IBA-Sachsen-Anhalt erstellt wurde1.

In der urbanistischen Debatte werden als Ursachen für die Schrumpfung von Städten das Zusammenwirken von Globalisierung, - Deindustrialisierung und Arbeitsmarktmigration -, Suburbanisierung und „demographischer Wandel“, d.h. die Überalterung der Bevölkerung genannt. Die Untersuchung dieser Prozesse für Dessau, Madeburg und Halle zeigte, dass Schrumpfungsprozesse regional unterschiedlich ausgeprägt sind. Dabei sind Prozesse der Schrumpfung, die im wesentlichen durch Suburbanisierung verursacht werden, ganz anders zu bewerten als Prozesse der Schrumpfung die vorrangig durch den Arbeitsmarkt bedingt sind.

Während in Dessau „Suburbanisierung“ innerhalb der Stadtgrenzen verläuft, setzen in Magdeburg und Halle Prozesse der Regionalisierung der Stadt und damit Wachstumsprozesse in der Fläche trotz rückgängiger Bevölkerungszahlen ein. Ein erheblicher Anteil der Abwanderungen ist in Magdeburg und Halle regional ausgerichtet. Damit bleiben Arbeitskräfte und Konsumenten den Städten in ihrem regionalen Umfeld erhalten. Auch die Gewerbesuburbanisierung stärkt die Wirtschaftskraft der Region. In Dessau findet hingegen findet eine Schrumpfung in der Fläche und hinsichtlich der Bevölkerung statt. Vor allem junge Arbeitskräfte wandern dort ab.

Die Entwicklung in Magdeburg ist vergleichsweise am günstigsten, da hier die Wohnsuburbanisierung sehr hoch ist und die arbeitsmarktbedingte Migration relativ niedrig. Dies entspricht auch den günstigeren ökonomischen Entwicklungspotentialen, die Magdeburg im Vergleich zu Dessau und auch Halle aufweist (Abb. 23a/b, 24a/b, 25a/b).

In Halle sind 46% und in Magdeburg 58% des Bevölkerungsrückgangs auf Abwanderung durch Suburbanisierung zurückzuführen, in Dessau dagegen nur 10 %. So sind im Umland von Magdeburg und Halle auch Orte mit einem erheblichen Bevölkerungswachstum zu finden, wie der Saalkreis oder Merseburg/Querfurt bei Halle und der Ohrekreis oder der Bördekreis bei Magdeburg. In den Suburbanisierungsvororten von Dessau jedoch gleichen die Zuwanderungen die Verluste durch Abwanderung nicht aus. Betrachtet man die Bevölkerungsentwicklung seit 1997, so ist der Anteil der überregionalen arbeitsmarktbedingten Migration am Bevölkerungsschwund in Dessau mit 68 % erheblich höher als in Magdeburg (17%) und Halle (42%). Dabei ist die Altersstruktur in Dessau derzeit nicht erheblich ungünstiger als in Magdeburg und Halle, doch die arbeitsmarktinduzierte Migration wirkt sich in Dessau weitaus ungünstiger aus.

In Magdeburg betrug der Bevölkerungsverlust 2001 nur noch 0,7%2. Laut einer Untersuchung der bundesdeutschen Wirtschaftsinstitute ist Dessau-Bitterfeld-Halle eine der ostdeutschen Regionen, die im Zeitraum von 1996 – 2000 einen kontinuierlichen Produktivitätszuwachs aufweisen. Dieser Zuwachs schlägt sich allerdings nicht in einem Wachstum an Beschäftigung nieder3 . Magdeburg liegt bei den Produktivitätszuwächsen an vorderster Stelle in Ostdeutschland. Es ist auch die ostdeutsche Stadt, die das höchste Gewerbesteueraufkommen erzielt. Die Magdeburger Region ebenso wie die Region um Dessau schneiden sogar besser ab als Leipzig und der westsächsische Raum oder Chemnitz. Produktivitätszuwächse werden durch Rationalisierungen von Arbeitsplätzen und Investitionen in technische Modernisierungen erzielt. Das Wachstum ohne Beschäftigung liegt in Dessau ebenso wie in Halle begründet in der ungünstigen ökonomischen Struktur des Umlands. Bitterfeld, Wittenberg, Leuna sind dominiert von der traditionellen Massenproduktion, dem Bergbau und der grundstoffverarbeitenden Chemieindustrie, die eine geringe Fertigungstiefe haben und somit kaum auf Zuliefer- und Verteilungsnetzwerke angewiesen sind. Diese ökonomische Struktur mit abhängigen Industriestandorten und traditioneller Industrie erschwert auch die Ansiedlung von wissensbasierten Dienstleistungen sowie eine innovative Tertiärisierung.

Aufgrund ihrer traditionellen wirtschaftlichen Prägung haben Magdeburg, Dessau und Halle im Vergleich zu anderen ostdeutschen Groß- und Mittelstädten die höchste Arbeits- und Sozialhilfequote Bei der Arbeitslosenquote liegen bei den mittleren Städte nicht Dessau sondern Görlitz, Wismar und Hoyerswerda an vorderster Stelle. Doch es zeichnet sich eine Nord–Süd Teilung in Sachsen-Anhalt hinsichtlich der Entwicklungs-perspektiven ab.

Insbesondere in Magdeburg entstehen modernisierte ökonomische Verflechtungszusammenhänge, die charakteristisch für eine Wissens- und Informationsgesellschaft sind. Innovative ökonomische Strukturen sind in Ostdeutschland noch immer zu wenig vorhanden. Diese Strukturen zeichnen sich durch den Aufbau von Zuliefer-, Produktions- und Distributionsnetzen aus, die mit Forschungskapazitäten und wissensbasierten Dienstleistungen wie Unternehmensberatung, Design, Werbung und Marketing verflochten sind. Sie werden durch regionale Milieus, von regionalen Kooperationen und informellen Beziehungen des Vertrauens getragen. Dennoch sind die Markt- und Unternehmensstrukturen in Ostdeutschland noch immer zu wenig regional verdichtet. Die Zahl und das Niveau der ostdeutschen Cluster ist deutlich unterentwickelt (Krätke 2001:4) Um diesem Defizit zu begegnen, wurde vom Bundesministerium für Forschung das Programm Innoregio aufgelegt. Während in Dessau kaum Ansätze von vernetzten Produktionsstrukturen zu finden sind, so ist Magdeburg der Knotenpunkt hierfür in Sachsen-Anhalt.

Das Zentrum des Fahrzeugbau-Netzwerks Mahreg Automotive ist Magdeburg. Es erstreckt sich von dort bis in den Harz, nach Staßfurt und Dessau. In Schönebeck, einem an Magdeburg angrenzenden Landkreis mit Gewerbe- und Wohnsuburbanisierung, siedelt Daimler Chrysler ein drittes Werk an. So entstehen eigene Entwicklungszentren in der Region. Es wird begleitet von Forschungskapazitäten der Universität in Magdeburg. Die Neuromedizintechnik, die pharmazeutische Herstellung von Nahrungsergänzungsmittel sind weitere geförderte Schwerpunkte in Magdeburg. Auch die MLU Halle und die Hochschule Anhalt in Bernburg sind in das pharmazeutische Netzwerk integriert. Es sind Projekte zur Entwicklung der Bioregion Sachsen-Anhalt. Diese Neu -orientierung soll eine Abkehr von dem Image einer Region des traditionellen Schwermaschinenbaus und der grundstofflastigen Chemieindustrie fördern und eine Modernisierung der industriellen Standorte unterstützen.

Die Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur in Dessau ist stark von traditionellen Dienstleistungen geprägt. Damit werden wenig Impulse für eine wirtschaftliche Dynamik erzeugt. Mit der Hochschule Anhalt, dem Umweltbundesamt, der Stiftung Bauhaus Dessau und dem Designzentrum Sachsen-Anhalt besitzt die Stadt vier überregional wirksame Einrichtungen, die auch Wissen regional verfügbar machen können. Die Hochschule Anhalt mit ihren Zweigen Maschinenbau, E-Technik, Bauingenieurwesen sowie Architektur und Design ist stark auf anwendungsorientierte Forschung hin ausgelegt. Dies erfordert, Transfereinrichtungen und Verflechtungen herzustellen. Das geplante Gründer- und Technologiezentrum in Dessau könnte ein Baustein für einen solchen Transfer bilden. Ebenso können die Bereiche Architektur und Mediendesign, die Stiftung Bauhaus Dessau wie auch das Designzentrum tatkräftige Anstöße für die Ansiedlung von wissensbasierten Dienstleistungen auf diesen Gebieten liefern. Das Umweltbundesamt kann ein wichtiges Bindeglied für die Verbindung zu Entwicklungen der Bioregion um Magdeburg sein. Den neuen Orientierungen fehlt noch ihr städtebaulicher Ausdruck.