Zentrum

Daten
805 bildete ein Kastell oberhalb der Elbe an der Dom-Anhöhe den Ursprung des mittelalterlichen Kerns
925 bildete die Domburganlage (Kaiserpfalz) die Keimzelle städtischer Entwicklung
Herausbildung zweier Zentren innerhalb der heutigen Altstadt 1. Dom mit Domplatz als kirchliches Zentrum und 2. Handelszentrum der Stadt um den heutigen Alten Markt mit dem Rathaus
Die Siedlungen Sudenburg und Alte Neustadt entstanden in Altstadtnähe
Im 12. und 13. Jhdt. wurden Wehrmauern errichtet und bis ins 15. Jhdt. ergänzt
Die Anlage einer Festung mit Zitadellen wird mit einem Verbot der Siedlungserweiterung in unmittelbarer Nähe der Altstadt verbunden; die ursprüngliche Sudenburg wird überbaut und im Südwesten neu angelegt; in zwei Zeitabschnitten werden die Festungsanlagen im Norden erweitert und dabei Teile der Alten Neustadt zerstört
Zu Beginn des 19. Jhdt. wird die Neue Neustadt unter Napoleon gegründet
Im 19. Jhdt. fanden Erweiterungen in der Neustadt, in der Neuen Sudenburg und in Buckau statt, parallel zur zunehmenden Verdichtung des alten Stadtkerns
1870 wurden die Festungsanlagen beseitigt
Die Bauordnung von 1909 ermöglichte die Auflockerung der Bebauung
1945 waren 60% der Bausubstanz von nördlicher Innenstadt und Alter Neustadt zerstört
Das historische Zentrum wurde unter den 16 Grundsätzen des Sozialistischen Städtebaus nicht rekonstruiert
Der Zentrale Platz bildete die Stadtmitte zu Zeiten der DDR. Ab 1983 wurde die Bautätigkeit weiter in die Innenstadt in Richtung Hasselbachplatz verlagert, dem Leitbild “Komplexe Rekonstruktion” der DDR folgend

Nach 1990 erfolgte die Modernisierung von Gebäuden nach dem Leitbild: Stadterneuerung/ Sanierung / Substanzerhaltung

Öffentliche und private Räume
Ursprung – mittelalterlicher Stadtkern
Mittelalterliche Struktur öffentlicher Räume nur noch in Fragmenten erhalten (Breiter Weg, Domplatz, Marktplatz)
Überreste mittelalterlicher Bebauung nur noch vereinzelt zu finden (Dom, Landtag, Kirchen..)
Verlauf der alten Stadtbefestigung als solche nur noch im Bereich des Steilufers erfahrbar
Stark geprägt durch gründerzeitliche Stadterweiterungen vor allem im Süden (Hasselbachplatz..), durch die Kriegszerstörung, den sich anschließenden Wiederaufbau sowie die Planungen des sozialistischen Städtebaus (Zentraler Platz), aber auch die Neubebauungen nach 1990 (Einkaufszentren, Bebauung am Markt, Bebauungen entlang des Breiten Weges)
Erkennbare räumliche Zusammenhänge im Bereich der südlichen Gründerzeitquartiere
Durchsetzung des städtischen Gefüges mit Plattenbauten und Bebauungen aus den 50er und 60er Jahren vor allem im Norden der Innenstadt
Kein räumlicher Bezug zur Elbe vorhanden (Trennung der Innenstadt vom Wasser durch topografischen Höhensprung einerseits und die vorhandene Verkehrstrasse entlang des Ufers andererseits)
Auffallende Maßstabsvergrößerung der Bebauung und der zugeordneten Freiräume im Vergleich zu anderen Stadtgebieten, fehlende Kleinteiligkeit

Kerne – Ränder – Zwischenzonen
Der Teilraum umfasst Magdeburg Altstadt und auch Neustadt mit Nordpark und Universitätsgelände in Nähe zu den ehemaligen Hafengebieten. Insgesamt ist er weder räumlich noch funktional eindeutig abgegrenzt. Er wird durch die Walther-Rathenau Straße sowie durch die Ernst-Reuter Allee durchschnitten und wird als Konglomerat verschiedener Raum- und Funktionszusammenhänge erfahren. Kerne unterschiedlicher Prägung sind südlich der Ernst-Reuter Allee

der Dom mit Domplatz und Umbauung, nördlich gelegener Bebauung (Kloster) und südlich gelegenem Park sowie Bebauung beidseitig der Hegelstraße als Ausdruck früher industrieller Blüte und bürgerlicher Stadtkultur und Finanzkraft
der Hasselbachplatz mit dichter Mischung von Nutzungen und Raumbildung sowie Aufenthaltsqualitäten trotz Verkehrsbelastung als Bild fortgesetzter Erneuerung gründerzeitlicher Vermächtnisse
der Bereich des Hauptbahnhofes mit Vorplatz und angeschlossenen Einkaufszentren am Breiten Weg als ehrliches Abbild der Konzentration von Handel und Dienstleistung in den 1990er Jahren

nördlich der Ernst-Reuter Allee
der Bereich Rathaus und Alter Markt mit der Johanniskirche
die südlichen Seiten des Universitätsplatzes

nördlich der Walther-Rathenau Straße
das Universitätsgelände
Versorgungsbereiche entlang der Ausfallstraßen nach Norden (Schifferstraße und Leipziger, Lüneburger Straße).

Ränder bilden im Westen die Bahnlinie, im Osten die Elbe, im Norden und Süden städtebauliche Brüche im Übergang zu den industriell geprägten Stadtvierteln im Norden und Buckau im Süden.

Zwischenzonen werden gebildet durch lange und zurückgesetzte sowie durch diagonal oder orthogonal gestellte Plattenbauten entlang der Hauptverkehrsstraßen.

Auch die Übergänge zu den Rändern (Elbe sowie Bahnlinien und Straßen nach Süden und Norden) sind als Zwischenzonen erfahrbar infolge mangelnder Randbildung oder infolge der Konzentration von Funktionen und ihrer Bebauungsstrukturen. Das Hafengebiet ist jedoch in sich durch die Wasserbecken raumbildend strukturiert und kann Kern- oder Randprägungen aufnehmen. Ebenso bilden die Elbufer gute Voraussetzungen für Randprägungen durch Bebauung oder raumbildende Begrünung.

Erneuerungstätigkeiten und Bodenwerte
Das Zentrum zeigt sorgfältige Erneuerung der Altbausubstanz in der Umgebung des Domes und ergänzende repräsentative Neubebauung zwischen Breiter Weg und Domplatz sowie an der Ecke Danzstraße/ Breiter Weg. Die prachtvollen Gebäude an der Hegelstraße sind bis auf wenige Ausnahmen renoviert und genutzt. Mängel der Erneuerung sind sichtbar in Magdeburg-Neustadt. Insbesondere im Hafen, aber auch seitlich der nach Norden führenden Hauptstraßen mit starker Verkehrsbelastung. Mängel sind gleichermaßen sichtbar seitlich der Straße parallel zum Elbufer sowie zwischen Bahnlinie und Otto von Guericke-Allee und auch nördlich der Walther-Rathenau-Straße. In Magdeburg Neustadt sind die von Geschäften belebten Bereiche seitlich der Hauptverkehrsstraßen gut genutzt und dort erneuert, wo Verkehrslärm nicht belastet und Freiräume wohnungsnah und gepflegt sind. Die Verteilung von Erneuerungstätigkeiten wird in der Hierarchie der Bodenwerte gespiegelt.

Vorkriegssituation
Alt- und Neustadt von Magdeburg bilden dichte städtische Raumgefüge. Sie werden in der Pracht ihrer industriell geprägten Blüte von Bebauung, Erschließung durch Wasser, Bahn und Straßen mit vielen integrierten öffentlichen Gebäuden und ihren Freiräumen und einem dichten Netz öffentlicher Räume gezeigt. Neben den Elbufern fallen einige große unbebaute Flächen auf: die Festungsanlage westlich der Bahnlinie, eine ansatzweise gewerblich bebaute Fläche südlich der Walther-Rathenau-Straße, ein Hügel nördlich davon auf der anderen Straßenseite, eine Parkanlage in der Mitte der Alten Neustadt und unbebaute Flächen im Nordwesten. Die Elbufer und Häfen sind dicht genutzt und heterogen bebaut, so auch die Inseln in der Elbe im Übergang zum Stadtpark im Süden. (Abb. 53)

Vorwendesituation
Der Stadtgrundriss ist durch ein eng gespanntes Netz breit ausgebauter Straßen in Nord-Süd- und in Ost-West-Richtung mehrfach durchschnitten. Brücken treffen auf zentrale Ost-West-Querungen. Diese werden westlich der Bahnlinie auf ehemaligen Festungsanlagen durch die E 49/71 an das überregionale Straßennetz angebunden.

Der Stadtgrundriß ist mehrfach geviertelt und durch verkehrsfunktionale Platz-, Kreuzungs- und Auffahrtsbereiche unterbrochen. (Abb. 54)

Nachwendesituation
Die verkehrsfunktionale Modernisierung der Nachkriegszeit prägt weiterhin; hinzu kommt, dass die Stadt ihre industrielle Erschließung durch die Bahn am Elbufer noch nicht überwunden hat . So bilden Zusammenhänge und Verkehrsanlagen spannungsvolle Abbilder der frühen und späten Einflüsse der Industrialisierung. Die Stadtmitte ist zu Fuß gut lesbar im Bereich Hegelstraße, Dom. Mit dem Auto ist sie gut erfahrbar über den Breiten Weg, den Universitätsplatz, die Lüneberger Straße sowie über die von Osten einführenden Brücken. (Abb. 55)

Empfehlungen
Orte
Raumbildende Stärkung der sternförmigen Kreuzung im Eingangsbereich zu den Häfen; Stärkung von Wochenmärkten seitlich der Versorgungsbereiche entlang der Ausfallstraßen nach Norden mit Bezug zu den Kirchen und ihren Vorplätzen.

Öffentliche Räume
Stärkung des „Rückgrats“ Breiter Weg für den Aufenthalt und für Querungen; Herstellung vielfältiger Verbindungen zwischen Bahnhof und Domplatz sowie zwischen der gesamten Innenstadt und den Elbufern; Absenkung der Verkehrsführung parallel zum Elbufer zwecks Anbindung des Flusses an die Stadt ; Stärkung der Querungsmöglichkeiten in den Versorgungsbereichen an den Ausfallstraßen.

Private Räume
Umnutzung und Ergänzung der wertvollen Hafengebäude; Stärkung aller strukturellen Bedingungen kleinteiliger Parzellierung und erhaltenswerter Altbausubstanz in der Innenstadt.

Unbebaute Räume
Rückbau verbliebener Bahnanlagen am Elbufer, Begrünung der Ufer, Anlage von Erholungsgärten, Grünverbindungen zwischen Innenstadt und Ufer („Südpark“), z.B. durch Rückbau von Plattenbauten nördlich der Ernst-Reuter-Allee

Teilbereich Hegelstraße - Dom - Breiter Weg
Der Teilbereich zeigt die öffentlichen Räume, die das Zentrum südwestlich des Domes parallel zur Elbe in Nord-Süd-Richtung unterteilen in ihren unterschiedlichen räumlichen Qualitäten für Orientierung, Aufenthalt und Blickbeziehungen. Während die Hegelstraße als Prachtstraßen einmaliger Prägung gründerzeitlicher Bebauung und Profilbildung im öffentlichen Raum (Allee, Vorgärten, Parkanlage südlich des Domes) mit allen nur erdenklichen Qualitäten hervortritt, ist der Breite Weg trotz der fassenden Neubebauung westlich des Domplatzes und an der Ecke Danzstraße von Verkehrsfunktionalität geprägt. Die Schneise, die dadurch in der Stadtmitte entstanden ist, trennt die Viertel westlich und östlich des Breiten Weges, die bis vor dem 2. Weltkrieg noch ein dichtes Geflecht von kleinteiligen und differenzierten Raumzusammenhängen bildeten. Um die Anbindung des Zentrums an die Elbufer vorzubereiten, ist es erforderlich, die Querungsbeziehungen über den Breiten Weg hinweg räumlich und funktional zu stärken. Hierzu wären die Bebauungszusammenhänge nördlich und südlich der Heckelstraße (zwei blockseitenlange Plattenbauten) in ihren Qualitäten als erkennbare Bebauungs- und Nutzungseinheiten mit vorderen und rückwärtigen Fronten zu stärken; die Straße wäre als Raumverbindung über den Breiten Weg hinweg neu zu öffnen und in ihrer ursprünglichen Kontinuität als Unterbrechung des Breiten Weges erfahrbar zu machen. Die systematische Fortführung dieser Wege- und Blickverbindungen bis an das Elbufer herangehend wäre langfristig von wesentlicher Bedeutung für die Lesbarkeit und Nutzbarkeit des Zentrums. (Abb. 58/59/60)