Kerne - Ränder - Zwischenzonen

Kerne
Nahezu alle vorindustriellen Kerne haben eine starke Veränderung durch nachfolgende Einflüsse der Geschichte erfahren. Dom und Marktplatz sowie die zur Elbe ausgerichteten Kirchen tragen die Identität der mittelalterlichen Stadt, die Identität der preußischen und napoleonischen Festungsstadt ist kaum noch erkennbar. Das Aufeinandertreffen vorindustrieller und industrieller Einflüsse findet z.B. charakteristischen Ausdruck in dem Nebeneinander unterschiedlicher Bebauungs- und Raumstrukturen in Buckau. Die aktuelle Veränderung von Dörfern zeigt ihre prägenden Merkmale z.B. in Alt-Olvenstedt.

Ränder
Die drei Kernerweiterungen ergaben eine stark zerklüftete Siedlungsstruktur mit einer Vielzahl räumlicher wie auch funktionaler Brüche aus der Zeit der Festungsstadt (Festungsringe und Glacies) sowie aus der Zeit der frühen und der späten Industrialisierung westlich und östlich des Hauptsiedlungsraumes. Die Erweiterungen seit 1870 zeigen Ränder in Form mehr oder weniger verbindender räumlicher Übergänge zwischen den Erweiterungsphasen südlich und nördlich des Zentrums entlang der Elbe. Vorindustrielle, industrielle und spätindustrielle Prägungen werden durch Siedlungen, Kleingartenanlagen und Einfamilienhausgebiete der 1950er Jahre (z.B. Reform) verbunden.

Zwischenzonen
Die bandstadtartige Ausbreitung der Stadt im 19. und 20. Jhdt hatte entlang der Elbe und entlang der Bahngleise großflächige Industrie- und Gewerbeflächen geschaffen, die heute durch geringe räumlich wie auch funktionale Zusammenhänge, große Brachflächenanteile und massiven Leerstand baulicher Substanz gekennzeichnet sind. Dies gilt besonders für die Bereiche um Buckau, den Ring der ehemaligen Festungsanlagen, für die Flächen nördlich von Sudenburg, aber auch für die Bereiche der älteren und neueren Hafenanlagen und Elbufer im Norden.

Auch die einzelnen Stadtviertel sind nicht räumlich miteinander verbunden. Das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten dominiert mit jeweiligen räumlichen Monotonien gebietsweise. Großsiedlungen der Nachkriegszeit wurden flächenfüllend zwischen bestehende Siedlungen gesetzt. Die Bahnlinie trennt Innenstadt und westliche Stadtteile. (Abb. 33)

Kernbildung Altstadt
Die Domburg an einer Doppelfurt der Elbe begründet den Altstadtkern
Kern = Doppelkern: Dom und Marktsiedlung
Rand = Grenze der Domburg/ Umfriedung
Enge Funktionsverflechtung und -überlagerung innerhalb der Burganlage

Kernfestigung Altstadt
Ausweitung und Befestigung des Kerns
Kern = Doppelkern Markt mit Rathaus und Domplatz mit Dom
Rand = Stadtbefestigung
Enge Funktionsverflechtung und -überlagerung innerhalb der Stadtmauern
Anfangs unbebaute Flächen innerhalb der Stadtbefestigung werden im Laufe der Zeit überbaut (Verdichtung)
Rückbildung (Frohse, Alte Sudenburg, Kloster Berge) von vormittelalterlichen Siedlungskernen
Bildung erster vorstadtähnlicher Siedlungen (Sudenburg, Alte Neustadt)

Erste Kernerweiterung – Aufbrechen der Ränder
1870, Schleifen der Festigungsanlagen aufgrund erhöhten Flächenbedarfs
Kern = mittelalterlicher Stadtkern
Rand = Rand der zusammenhängend besiedelten Fläche
Beginnende Segregation innerhalb der Stadt mit der planmäßigen Anlage von Wohnsiedlungen. Gründung erster Baugenossenschaften um 1910 (Siedlung Reform); Sozialer Wohnungsbau in den 1920er - 30er Jahren in Form von Siedlungen des „Neuen Bauens“ (z.B. Großsiedlung Beims-Siedlung – 1000 WE, Curie-Siedlung)
Restbestände noch unbebauter Flächen entlang von Bahngleisen, ehemaligen Festungsanlagen und in noch nicht besiedelten Zonen zwischen Innenstadt und eingegliederten Dörfern
Sehr stark fragmentierte Randausformung,abgeleitet aus der Struktur der umliegenden ehemals agrarisch genutzten Flächen
Elbe als wichtigster „Randbildner”
Siedlungsentwicklung entlang der Elbe, entlang der Bahnstrecken sowie entlang der Ausfallstraßen zwischen Stadt und umliegenden Ortschaften
Beginnende Eingliederung dörflicher Siedlungen (Rothensee, Diesdorf, Sudenburg, Lemsdorf, Buckau, Salbke, Fermersleben, Westerhüsen, Brückfeld, Cracau)

Zweite Kernerweiterung
Großflächiger Wiederaufbau der zerstörten Innenstadt nach dem 2.Weltkrieg; wachsender Flächenbedarf durch die verstärkte, planmäßige Ansiedlung und Erweiterung von Industriebetrieben in der Stadt (Schwerindustrie)
Kern = zusammenhängend besiedelter Stadtkörper
Rand = Flächen der Stadt mit eingemeindeten Ortschaften
Fortschreitende Segregation innerhalb der Stadt mit weiterer großflächiger Monofunktionalisierung durch planmäßige Siedlungsanlagen der 1950er Jahre mit Beginn des zum industriellen Bauens (z.B. Wohnsiedlungen Jakobstraße und Karl-Marx-Straße), in den 1970er und 80er Jahren in Form von Großsiedlungen für 100 000 Menschen (z.B. Neu-Olvenstedt)
Fragmenthafte Entwicklung der Stadt, Verlust räumlicher Zusammenhänge
Funktionskonzentration in die Randbereiche nach Norden (Waggonbau) und entlang der Gleisanlagen (Chemische Industrie), kaum Funktionsauslagerungen
Innere Ränder entstehen insbesondere in den Übergangsbereichen zu neu angegliederten Dörfern
Fortschreitende Füllung der Zwischenzonen der südlichen Dörfer Richtung (Schönebeck mit industrieller Nutzung)
Eingliederung der dörflicher Siedlungen (Ottersleben, Benneckenbeck, Prester) mit Erweiterungen durch Plattenbaugebiete (Neu Olvenstedt) und später erste Einfamilienhaussiedlungen.
Elbe weiterhin wichtigster “Randbildner”
Ausbreitung der Stadt in Richtung der Ausfallstraßen und umliegenden dörflichen Siedlungen (Benneckenbeck, Ottersleben, Olvenstedt, Prester)

Dritte Kernerweiterung
Nach 1989 Verwaltungs- und Gebietsreform: Magdeburg - Landeshauptstadt
Debatte über die Herausbildung eines Stadt-Umland-Verbandes unter Ausschluss von neuen Eingemeindungen
Kerne: Altstadt und Neustadt sowie vorindustriell angelegte und industriell überformte Kernbereiche (z.B. entlang der Ausfallstraßen) sowie kernbildende Nutzungen innerhalb oder am Eingang zu Siedlungen
Anhaltende Funktionsauslagerung und Angliederung von großflächigen Gewerbeflächen (Diesdorf, Barleben, Ottersleben, Rothensee) und Wohngebiete (Olvenstedt, Diesdorf Süd) an dörfliche Kerne
Stillegung einer Vielzahl von Industriebetriebe nach 1989 und erhöhte Abwanderungstendenzen; Industriebrachenbildung und Leerstand im Bereich der Großwohnsiedlungen (Olvenstedt, Kannenstieg, Neustädter Feld)
Freiwerden ehemals militärisch genutzter Flächen nach Abzug der russischen Armee (Cracauer Anger)
Auffüllen ungenutzter stadtinnerer Flächen
Fragmentiertes Randwachstum (Einfamilienhausbau und Gewerbegebiete) überwiegend angelagert an umliegende dörfliche Siedlungen (Wohngebiete Olvenstedt, Diesdorf, Gewerbegebiet Am Silberberg)