Merseburger Straße

Daten
Ab 1870, nach Schleifung der Stadtbefestigung, erfolgte südlich vom Bahnhof , begünstigt durch die günstige Verkehrslage, der Bau von Industrie und Wohngebäuden.
In den 1920er Jahren entstanden im Rahmen des genossenschaftlichen Kleinsiedlungsbaus entlang der Merseburger Straße zahlreiche Kleinsiedlungen.
Ab 1960, mit dem Ausbau des Riebeckplatzes und der Verkehrsachse Merseburger Straße zu den Arbeitsstandorten Buna und Leuna im Rahmen des sozialistischen Stadtwiederaufbaues, verlieren die Wohnbebauungen entlang der Merseburger Straße an Qualität und verfallen.
Kleinsiedlungen seitlich der Merseburger Straße sind von diesem Wertverfall kaum betroffen.
Ab 1990 werden die Industrieflächen östlich der Merseburger Straße für den Neubau von Gewerbe freigegeben.

Öffentliche und private Räume
Stark verkehrsfunktional geprägter, ursprünglich als alte Überland- und Fernstraße fungierender Raum
Deutliche industrielle Prägung
Dominanz des Fahrzeugverkehrs
Heterogene räumliche Situationen entlang der Straße (Bauten und Ensembles aus verschiedenen historischen Epochen)
Barrierewirkung der Straße aufgrund der starken Frequentierung durch den Fahrzeug- und Schienenverkehr
Orientierung auf den Riebeckplatz, den größten Verkehrsknoten Halles

Kerne – Ränder – Zwischenzonen
Im Verlauf der etwa 5 km langen Straße sind keine Kernbildungen festzustellen. Ansätze zu Kernbildenden Nutzungen bestehen jedoch in vielen Kreuzungsbereichen, wo Geschäfte die Eingänge in angrenzende Seitenstraßen fassen. Die Straße wird geprägt durch den Wechsel von Gewerbe- und Wohnnutzung, an einigen Stellen unterbrochen durch öffentliche Zusammenhänge öffentlicher Gebäude, die als bauliche Ensembles erkennbar sind.

Ränder werden gebildet durch Bahnlinie und Industrieanlagen im Osten. Im Westen gibt es nur Eingänge und Übergänge zu Siedlungen, keine eindeutigen Ränder. Insgesamt ist die bauliche Nutzung zu beiden Seiten der Straße erfahrbar als sehr heterogene Elemente fragmentarischer Nutzungszusammenhänge.

Erneuerungstätigkeiten und Bodenwerte
Erneuerungstätigkeiten liegen auf Eckgrundstükken und vereinzelt dazwischen. Die Bodenwerte sind infolge der hohen Verkehrsbelastung und der Einflüsse der benachbarten Industrieflächen und –brachen vergleichsweise niedrig.

Vorkriegssituation
Die Merseburger Straße zeigt vor dem 2. Weltkrieg eine räumlich gefasste „Kopfsituation“ zwischen Altstadt und Bahnhof. Der damalige Riebeck-Platz war zwar auch schon Verkehrsknoten, hatte jedoch einen wesentlich geringeren Durchmesser und zeigte eindeutige räumliche Fassungen rundum; zum Bahnhof hin gab es eine breitere Öffnung.

Es gab allerdings auch eine funktionale Unterbrechung der eng gefassten Räume, die sich bis heute in einer Öffnung zwischen zwei Gebäuden auf ein und derselben Ecke spiegelt: Eine Bahnlinie querte die Straße, von Osten kommend, und erschloss eine Fabrik nördlich der Huttenstraße bis eng an die Siedlung um den Lutherplatz.

nnerhalb der Teilbereiche sind Einflüsse aus späteren Perioden des Städtebaus bis 1930 in Form von Blickbeziehungen und Platzaufweitungen erkennbar. Während die Flächen westlich der Straße von städtischer Nutzung und nur vereinzelt von gewerblichen Konzentrationen oder öffentlichen Einrichtungen geprägt war, waren die Flächen östlich der Straße ein Flickenteppich von Industrie und Gewerbe mit separater Erschließung durch die Bahn. (Abb 114)

Vorwendesituation
Die baulich-räumliche Situation, die Aufteilung der Flächen und ihre Nutzungen sowie die durch Transportwege erzeugten Brüche bestanden südlich des Riebeckplatzes fort. Im Bereich zwischen Altstadt und Bahnhof war die Modernisierung der Stadt zugunsten der Einrichtung von Hochstraße, Neuanlage des Riebeckplatzes und nach Süden fassender Bebauung mit zurückgesetzten Baufluchten entstanden. Die Bebauung war „zurückgetreten“ und hatte dem Auto „Platz“ gemacht. (Abb. 115)

Nachwendesituation
Die Nachkriegssituation besteht fort. Nördlich der Julius-Ebeling-Straße bis hin zur Kreuzung mit der Rudolf-Breitscheid-Straße sind große Industrieflächen brachgefallen. Die eindeutige Lesbarkeit der Hochstraße nach Norden, den Riebeckplatz querend, wird durch die Brachen unmittelbar südlich der Bahnhofsumgebung eingeleitet. (Abb. 116)

Gebaute und gelebte Räume - Bestand
Die Straße wird als öffentlicher Raum für den Aufenthalt genutzt und belebt, wo Geschäfte in den Kreuzungsbereichen hierzu Anlässe bieten. (Abb. 117)

Gebaute und gelebte Räume – Szenario
Gelebte Räumen in Kreuzungsbereichen sowie von dort ausgehend in die Seitenstraßen hinein werden gestärkt. Dies erfordert eine Ausprägung der Sequenzabschnitte der Räume dieser Straße durch Nutzungsintensivierung der Erdgeschosse, vor allem in den Kreuzungsbereichen. (Abb. 118)

Empfehlungen
Orte
Die Kreuzungen sind als Orte zu stärken. Diese Orte sollten Eingänge bilden in angrenzende Siedlungen.

Öffentliche Räume
Im Zuge langer Raumfolgen sind auch mittige Lagen zwischen Kreuzungsbereichen durch Intensivierung der Erdgeschossnutzungen zu beleben. Zwischenräume sind durch Begrünung stärker in ihrer Linearität herauszuarbeiten. Im Übergang zum Riebeckplatz wäre die Hochstraße aufzuheben und die Straße durch erkennbare räumlich-bauliche Fassungen in einen verbindenden städtischen Kontext zwischen Bahnhof und Zentrum zu integrieren. Hier könnte ein neuer oberzentraler Platz entstehen, der auch Aufenthaltsqualitäten hat

Private Räume
Während repräsentative Verwaltungs- und andere Arbeitsnutzung die Straße weiterhin säumen sollen, sind Lebensräume nach Westen hin zu stärken, indem sie raumbildend, z.B. durch Baumpflanzung eindeutig an die Versorgungsangebote der Kreuzungsbereiche angebunden werden.

Unbebaute Räume
Unbebaute und freiwerdende Flächen sollten, in Abstimmung mit der Stärkung von Raumfolgen der Straße, als verbindende Grünflächen nach Osten und Westen angelegt werden und westlich die Wohnnutzung und östlich die Gewerbenutzung in ihrem jeweiligen Umfeld stärken.

Teilbereich Merseburger Straße – Riebeckplatz
Der Teilbereich zeigt den „Kopf“ der Merseburger Straße mit Einmündung in die Übergänge zwischen Bahnhof und Innenstadt, Zentrum und südlich angrenzenden Stadtlagen. Jüngst brach gefallene Industrieflächen westlich der Merseburgerstasse und südlich der beginnenden Hochstraße entsprechen in ihren Dimensionen von Leerstand den Verkehrsfunktionsflächen, die die räumlichen Barrieren zwischen Bahnhof und Innenstadt bilden und durch lange, straßenbegleitende Bauwerke aud den 1970er Jahren mit weit zurückgesetzten Fluchten die Verkehrsschneise noch betonen. In diesem Raum wären Verkehrsführung und Raumbildung im Sinne einer Anbindung des Bahnhofes an die Stadtmitte völlig neu zu konzipieren.

Inseln der Raumbildung sind die verbliebenen Gründerzeitblöcke östlich der Merseburger Straße; die enthaltenen Anteile an Gewerbebauten können entweder erneuert oder aber zugunsten der Wohnnutzung in Bahnhofsnähe durch Grünflächen ersetzt werden. Die Ecken zur Merseburger Straße hin sollten neu bebaut werden, um den Straßenraum in erfahrbare Abschnitte zu gliedern. Die ehemals gewerblich genutzte und heute überwiegend brach liegende Pufferzone westlich der Merseburger Straße kann neue innerstädtische Gewerbenutzungen und Dienstleistungen aufnehmen, sollte jedoch ebenfalls in der Länge unterteilt werden und Wegeverbindungen sowie verbindende Parkanlagen hin zu den dichter genutzten Gebieten südlich der Magistrale aufnehmen. Die dichter genutzten Gebiete selbst können von blockinterner Bebauung befreit werden. (Abb. 119/120/121)