Kerne - Ränder - Zwischenzonen

Kerne
Kerne der Besiedlung sind, je nach Erhaltung der Bausubstanz, in allen Lagen noch erkennbar oder sogar gut erhalten und durch die umgebenden Erweiterungen integriert worden. Die dörflichen Kerne östlich der Saale und südlich der Altstadt haben starke Veränderung durch einschnürende Verkehrstrassen erfahren. Diemitz im Nordosten der Bahnlinie ist ein Beispiel für eine Überformung durch Ausdehnung von Industriefunktionen und Abwanderung von Wohnnutzung mit Tendenz zur aktuellen Stärkung gemischter Nutzungen. Passendorf südöstlich von Halle-Neustadt wurde durch die Anlage der Neustadt nahezu völlig verdrängt. Relikte dieses Kerns sind in Form einer Kirche und eines Rathauses noch vorhanden und bilden einen Eingang zu den Saaleauen.

Ränder
Erweiterungen der Stadt erfolgten bis etwa 1930 in Form von kleinteilig integrierten oder durch öffentliche Räume abgeschlossene Randerweiterungen, insgesamt durch räumlich abgestimmte Übergänge im Stadtgrundriss und durch Grünverbindungen. Es gab räumlich-bauliche Annäherungen an die Saale-Ufer und an die Bahnlinie.

Zwischenzonen
Die nach dem 2. Weltkrieg entstandenen Bereiche im Westen (Halle-Neustadt) und Süden der Stadt (Halle-Süd) schufen innere Ränder durch ihre verkehrsfunktionale Erschließung, und mehrfach gebrochene äußere Ränder.

Diese Ränder haben keine eindeutig verbindenden Qualitäten. Ihre Wirkung als Barrieren oder Brüche ist vergleichsweise spannungsvoll im Verhältnis zur Monotonie ihrer räumlichen Prägungen. Die verkehrsfunktionale Einbindung dieser Zonen in die Gesamtstadt schuf ähnliche Merkmale dort, wo die Funktionalität bestehende Verbindungen unterbrochen hatte: Magistrale und Riebeckplatz mit Hochstraße in Nord-Süd-Richtung. (Abb. 86)

Kernbildung Altstadt
Das Kastell „Schwarzes Schloss” wurde um 806 angelegt. Es gilt als älteste Befestigungsanlage zum Schutz der Brücke über die Saale, zum Schutz des Salzhandels als erste Form der ausgedehnteren Besiedlung mit Lagegunst am Wasser und an einer Querungsmöglichkeit der Saale; Anhöhe als topographischer Lagevorteil
Kern = Hauptgebäude der Burganlage
Rand = Begrenzung/ Umfriedung des Anwesens
Enge Funktionsverflechtung und -überlagerung innerhalb der Burganlage

Kernfestigung Altstadt
Ausweitung des Kerns durch Anlage einer Siedlung und Befestigung. Marktrecht um 1150
Kern = Markt mit Rathaus und Kirche
Rand = Stadtbefestigung, um 1450 verstärkt; Vorstädte außerhalb der Haupttore mit ehemals eigener Verwaltung und Umfriedung
Enge Funktionsverflechtung und -überlagerung innerhalb der Stadtmauern
Herausbildung, Festigung aber auch Rückbildung von Siedlungsansätzen aus vormittelalterlicher Zeit

Erste Kernerweiterung
Kern = mittelalterlicher Stadtkern; Wegfallen der Wehr-Funktion der Stadtmauer
Rand = Rand der zusammenhängend besiedelten Fläche; anfangs unbebaute innere Randflächen innerhalb der ursprünglich befestigten Lagen werden im Laufe der Zeit überbaut (Verdichtung). Erhöhter Flächenbedarf im Zuge der industriellen Revolution und damit einhergehender Raumnachfrage. Äußere Ränder: Stark fragmentierte Randausformung, besonders im nördlichen und östlichen Teil der Stadt. Gewässer (Saale) als wichtigste „Randbildner” im Westen. Innere Ränder: Teilweise noch unbebaute Flächen besonders in der Nähe der Gleisanlagen im Norden und Osten der Stadt
Beginnende Segregation innerhalb der Stadt mit der Anlage von nahezu monofunktionalen Wohnsiedlungen und Industriegebieten (in Verbindung mit den Gleisanlagen im Süden und Osten der Stadt)
Ausbreitung der Stadt entlang der Saale nach Norden und Süden sowie in östliche Richtung. Beginnende Eingliederung dörflicher Siedlungskerne in den Stadtzusammenhang (Giebichenstein, Trotha, Kröllwitz, Diemitz, Büschdorf, Böllberg, Wörmlitz)

Zweite Kernerweiterung
Eingeschränkte Wiederaufbauphase (im Vergleich zu anderen deutschen Städten) nach dem 2. Weltkrieg; wachsender Flächenbedarf durch verstärkte, planmäßige Ansiedlung und Erweiterung von Industrie- und Wohngebieten

Kern = zusammenhängend besiedelte Stadt
Rand = Flächen der Stadt mit eingemeindeten Ortschaften
Fortschreitende Segregation innerhalb der Stadt bis hin zur Funktionsauslagerung.
Anlage und Ausbau monofunktionaler, industriell genutzter Bereiche im Osten der Stadt und besonders in Verbindung mit vorhandenen Gleisanlagen
Füllen der noch freien Flächen im Nordosten und Süden der Stadt
Innere Ränder besonders in den Übergangsbereichen zu neu angegliederten Dörfern im Süden der Stadt
Funktionsauslagerung (Industrie - Buna, Leuna)
Herausbildung und Festigung von Großwohnsiedlungen mit geringer funktionaler Mischung (Silberhöhe, Halle Neustadt)
Verschwinden vorindustrieller Siedlungskerne im Süden im Bereich der Tagebaugebiete, im Bereich von Leuna und bei der Anlage von Halle-Neustadt (Passendorf)
Ausbreitung in Richtung der Ausfallstraßen und umliegenden dörflichen Siedlungen sowie entlang der Gewässer (Saale, Mühlgraben, Weiße Elster)
Fragmentierte Ausformung äußerer Ränder ohne deutliche Formulierung von Übergangszonen
Straßen (Neustadt) und Gewässer (Saale) als wichtige „Randbildner”
Weitere Eingliederung von dörflichen Siedlungen (Beesen, Ammendorf, Radewell, Ossendorf, Nietleben, Angersdorf, Schlettau, Lettin, Mötzlich)

Dritte Kernerweiterung
Nach 1989 Verwaltungs- und Gebietsreform: Halle - kreisfreie Stadt
Diskussion über die Herausbildung regionaler Verbände (Stadt Halle, Landkreis Merseburg/Querfurt und Saalkreis zu einem Regionalkreis)
Kerne = Altstadt und Paulusviertel, integrierte vorindustrielle und industrielle Kernbereiche, Halle-Neustadt, kernbildende Nutzungen innerhalb oder im Eingang zu Siedlungen
Herausbildung und Festigung großflächiger, monofunktionaler Bereiche vor den Toren der Stadt meist in Verbindung mit alten Dörfern (Gewerbegebiet Halle-Peißen, HEP Bruckdorf, Hafen Halle-Trotha) und überörtlicher Erschließung (A14)
Erweiterung dörflicher Siedlungen durch neue Wohngebiete (Wörmlitz-Kirschberg, Büschdorf-Nordost)
Wegbrechen großer Teile der Chemie-Industrie der Stadt nach 1989 und erhöhte Abwanderungstendenzen; Folgeerscheinungen - Brachfallen industrieller Flächen und massiver Leerstand im Bereich der Großwohnsiedlungen (Silberhöhe, Halle-Neustadt)
Freiwerden ehemals militärisch genutzter Flächen nach Abzug der russischen Armee (Standorte Heide-Süd, Wörmlitz-Kirschberg)
Fragmentierte äußere Ränder ohne deutliche Formulierung von Übergangszonen. Randbildner - Gewässer (Saale, Weiße Elster).
Neue innere Ränder infolge des Auffüllens ehemals ungenutzter einerseits, Entstehen neuer Brachen andererseits
Anhaltendes Randwachstum (Einfamilienhausbau und Gewerbegebiete) angelagert an umliegende dörfliche Siedlungen (Wohngebiet Wörmlitz-Kirschberg, Büschdorf-Nordost, Lettin, Dölau, Heide-Süd, Gewerbegebiete Peißen an der A14, Hafen Halle-Trotha, Gewerbe- und Industriegebiet Halle-Ost)