Zentrum

Daten
Um 910, Gründung des mittelalterlichen Kernes, um den Domplatz und Markt
Um 1150 Errichtung der Stadtmauer, die 1450 weiter ausgebaut wurde
Schleifung der Befestigungsanlagen in der ersten Hälfte des 19. Jhdt und Anlage eines Promenadenringes
Kaum Beschädigungen im 2. Weltkrieg, deshalb keine größeren Aufbaumaßnahmen
1964-70 großflächiger Abriss im Zentrum von Halle nach dem Leitbild der autogerechten, sozialistischen Stadt mit dem Schwerpunkt der Stadterweiterung

Öffentliche und private Räume
Ursprung mittelalterlicher Stadtkern -
Ältester Teil der Stadt - die Burganlage (heute Museum) mit Graben noch gut erhalten
Verlauf der ehemaligen Stadtbefestigung noch eindeutig zusammenhängend erfahrbar
Unregelmäßiges Netzwerk der mittelalterlichen Straßen- und Platzräume im nördlichen Bereich der Altstadt am besten erhalten
Große Vielfalt an verschiedenartigen räumlichen Situationen mit kleinen Gassen und Plätzen, größeren Straßen und verschiedenartigen Marktplätzen
Marktplatz als Ort von oberzentraler Bedeutung auch räumlich als solches erfahrbar; Störung des räumlichen Zusammenhangs und der Erfahrbarkeit als großer Markplatz aufgrund der Verkehrsführung über den Platz
Überformung des südlichen Stadtzentrums besonders drastisch in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Anlage der Magistrale und die damit verbundene großflächige Umstrukturierung
Prägung der westlichen und südlichen Altstadt (z.B. Große Klausstraße) durch verschiedenartige Plattenbauten und dem Versuch der Integration dieser in das alte städtische Gefüge; Fehlende funktionale wie auch räumliche Verflechtungen zwischen öffentlichem und privatem Raum in diesen Bereichen
Zugänge zum Wasser nur im Bereich des Mühlgrabens am Salzgrafenplatz gestaltet, sonst meist keine räumliche wie auch visuelle Verbindung feststellbar
Räumliche Beziehung zu den öffentlichen Räumen und Funktionen der Saale-Inseln nur eingeschränkt erfahrbar
Fehlende räumliche wie auch funktionale Verbindungen zwischen der südlichen Altstadt und den sich südlich davon erstreckenden Stadterweiterungsgebieten verursacht durch die Barrierewirkung der Hochstraße der Magistrale

Kerne – Ränder – Zwischenzonen
Das Zentrum wird innerhalb der ringartigen Erschließung durch Straßen im Verlauf der ehemaligen Wallanlagen gesehen.

Kerne sind in diesem Bereich in vielfältiger Weise erkennbar als räumliche Beziehung zwischen baulichen Nutzungen und Saale-Armen. Dies betrifft einzelne tradierte Gebäude, wie z.B. die Moritzburg und die zentral gelegen Kirchen sowie die Umgebung des Marktplatzes mit dem Gefälle der Topografie zur Saale hin, aber auch einzelne inselhafte Zusammenhänge von kleinteiliger Wohnnutzung und Bebauung innerhalb der gesamten Altstadt. Andere Kerne orientieren sich, mit ihren Geschäftslagen, zum Bahnhof hin. Alle diese Kerninseln bilden jedoch dichte Zusammenhänge, die ineinander übergehen und straßen- oder platzweise Schwerpunkte im öffentlichen Raumgefüge haben.

Die Ränder des Zentrums in der Altstadt zu den ehemaligen Wallanlagen hin sind gut gestaltet und verbinden das Zentrum mit der Umgebung, wo die Wallanlagen unter Nutzung der Topografie begrünt und als Erholungsflächen mit Integration von ebenerdigen Stellplätzen ausgebildet sind. Ränder sind nur dort trennend, wo die Verkehrsfunktionen der Nachkriegszeit eingeschnitten haben (An der Magistrale) sowie in der Querung und in den Uferlagen der Saalearme an der Mansfelder Straße. Hier kommen unterschiedliche Konzentrationen von Funktionen (Verkehr, Handel) zusammen und lassen die Ränder, auch mit ihrer Neubebauung an der Herrenstraße, als Zwischenzonen wirken. Insgesamt erscheinen auch die Saaleinseln als Zwischenzone, die es zu gestalten gilt.

Erneuerungstätigkeiten und Bodenwerte
Die Erneuerungstätigkeit ist umfassend und sorgfältig im Verhältnis zu einzelnen Investitionsinteressen an einzelnen Gebäuden. Erneuerung steht unmittelbar neben vereinzeltem Verfall von Bausubstanz. Die Lagen in der Nähe der Magistrale sind von Lärm beeinträchtigt. Es ist anzunehmen, dass der Bodenmarkt die Belastungen sowie die Brüche im Übergang zu den Saale-Ufern spiegelt.

Vorkriegssituation
Die Situation vor dem 2. Weltkrieg ist geprägt durch eine unregelmäßige, ringradiale Gliederung des Zentrums und vielfältige Wegeverbindungen zur Saale, mehrere Saale-Arme auf östlicher Uferseite überbrückend und an die Altstadt anbindend. Die Hierarchie der öffentlichen Räume zeigt eine eindeutige Dominanz von Marktplatz, integrierten Kirchen und Wegeverbindung zur Saale. Andere zentrale Orte, wie z.B. die Moritzburg bilden andere Orte nachgeordneter Zentralität innerhalb der umgebenden Wallpromenaden. Diese Verbinden das Zentrum der Altstadt in alle Richtungen und bilden eigene Raumsequenzen mit Integration öffentlicher Räume entspricht innerhalb der oberzentralen Lagen unterschiedlichen öffentlichen Gebäude. Radialen bilden weiterführende Verbindungen in unterschiedliche Richtungen und gliedern das Zentrum vor allem nach Osten. Der Bahnhof ist diagonal mittels einer Radiale an den Marktplatz angebunden. Diese Verbindung quert die begrünte, ehemalige Wallanlage ohne Unterbrechung und führt zu einem Platz, der dem Bahnhof stadteinwärts vorgeschaltet ist.(Abb. 106)

Vorwendesituation
Die Verkehrsplanung der Nachkriegszeit hat die Stadt „autogerecht“ erschlossen und die Verbindungen zwischen Altstadt und südlicher Erweiterungsgebieten sowie zum Bahnhof unterbrochen. Verkehrsplanung und Rücknahme alter Baufluchten durch Ersatz von Altbauten durch mehrgeschossigen Mietwohnungsbau spiegelten die Nachkriegseinflüsse umfassend. (Abb. 107)

Nachwendesituation
Die Verkehrs-Funktionalität der Nachkriegsentwicklung besteht fort. Erste Ansätze zur Entflechtung von Funktionalität haben bereits stattgefunden: Rückbau von einer Hochbrücke über den Ribeckplatz. Die Führung der Magistrale in Hochlage ist durch nördlich angrenzende jüngste Neubauten mit zurückgenommener Fluchtlinie verfestigt worden. Die Erneuerung der Altbausubstanz findet gleichzeitig statt und stärkt den Stadtgrundriß kleinteilig nördlich der Magistrale. Die eindeutige Lesbarkeit der Verkehrsbauwerke findet ihr Gegenstück in riesigen Leerflächen zwischen Bahnhof und Saale-Tal. (Abb. 108)

Gebaute und gelebte Räume - Bestand
Das gesamte Zentrum ist ein vielfältig und intensiv gelebter Zusammenhang von Innen- und Außenräumen, in denen der ruhende Verkehr leider die unmittelbare Zuordnung von Bebauung zu öffentlichen oder privaten Freiräumen und deren Nutzungsverknüpfung häufig einschränkt. (Abb. 109)

Gebaute und gelebte Räume – Szenario
Die Saale-Inseln als zentrale gelebte Räume und das gesamte Zentrum werden stärker miteinander verknüpft. Im Zentrum dient eine kleinteilige Intensivierung der Nutzung von Innen- und Außenräumen in ihren baulichen Zusammenhängen der dafür erforderlichen Aufwertung. (Abb. 110)

Empfehlungen
Orte
Einzelne inselhafte Zusammenhänge von Bebauung sollten räumlich stärker gefasst und so in ihrer Nutzbarkeit intensiviert werden. Im Ergebnis würde dies eine stärkere Ausprägung von erkennbaren Orten im Netz der öffentlichen Räume bedeuten.

Öffentliche Räume
Das Netz der öffentlichen Räume sollte in seiner kleinteiligen Differenzierung von Straßen- und Platzfolgen noch gestärkt werden und zugleich stärker ruhenden Verkehr aufnehmen, um die privaten Räume zu entlasten und die Komplementarität von öffentlichen und privaten Räumen zu erhöhen.

Private Räume
Ein Schutz der privaten Nutzungen auf den privaten Freiflächen würde die Nutzbarkeit der Räume erhöhen und die Attraktion für das Zentrum insgesamt stärken. Hierzu wäre eine veränderte räumliche Organisation der Stellplätze zugunsten einer Entlastung der privaten Räume erforderlich.

Unbebaute Räume
Kleinteilige Parkanlagen sollten durch Wege an die Saalearme angebunden werden. Ausgetrocknete Saalearme sollte durch Wege erschlossen werden. Die zentrale Saale-Insel sollte über Begrünung und stützende, einzelne bauliche Nutzungen enger an das Zentrum angebunden werden.

Teilbereich Marktplatz – Saale
Dieser Teilraum zeigt, wo die Ursprünge der Stadtgründung angelegt sind: im Wegenetz zwischen zentralem, tradierten Verkaufsplatz von Waren und der Saale, die mit ihren vielfältigen Armen die Altstadt umspült und im Mittelalter bis an den südwestlichen Teil des Teilbereich heranreichte. Gewinnung und Verkauf von Salz waren die wesentlichen Einnahmequellen der reichen Stadt Halle im Mittelalter. Die individuellen Räume der Altstadt zeugen heute noch von der Vielfalt der Einflüsse, die in dieser Stadt aufeinander trafen. Die Lesbarkeit wird bestimmt durch immer neue Blicköffnungen auf Gebäudeecken und durch Bebauungszusammenhänge hindurch. Die Nutzbarkeit wird bestimmt durch relativ kleine Bebauungszusammenhänge, oft mit nicht eindeutigen Übergängen zum öffentlichen Raum. Die Individualität der Verbindungen zwischen Bebauung und Aussenräumen gilt es auf privaten Flächen zu festigen und dadurch private Nutzungen zu stützen und vor ruhendem Verkehr zu schützen . Die immer neuen Blickbeziehen im öffentlichen Raum gilt es, in ihren Übergängen zu privaten Flächen durch Trennung/ Verbindung spannungsvoll zu stärken. (Abb. 111/112/113)