Diemitz

Daten
Vorindustrieller dörflicher Kern
Um 1880, nach dem Bau der Berliner Brükke, wurde das Areal von Industrieanlagen umbaut
1950, Eingemeindung zu Halle
1970er - 80er Jahre, die Vernachlässigung der Bausubstanz und die industrielle Nutzung führten zu einer ständigen Entwertung der vorindustriell angelegten städtischer Nutzungen
Nach 1990 vereinzelte Versuche, durch Sanierungsmassnahmen den dörflichen Kern wieder aufzuwerten.

Öffentliche und private Räume
Stark industriell überformter, gemischt genutzter, ursprünglich dörflicher Kern („Küchendörfer” von Halle, östlich der Bahnlinie)
Dörfliche Strukturen nur noch fragmentarisch erhalten (z.B. einzelne Höfe entlang der Wilhelmstraße)
Deutliche Abgrenzung der dörflichen privaten Räume zum öffentlichen Raum (hohe Mauern und geschlossene Tore)
Starke Prägung durch die Fabriken (Kathi) und Gewerbebauten (Penny) nordwestlich des alten Kerns entlang der Bahngleise
Umgebung des dörflichen Kernes geprägt vom Leerstand der stillgelegten Fabriken und Brachen
Hohe Vielfalt an räumlich verschiedenartigen Situationen und baulichen Strukturen
Auffallende räumliche Verbindung in die angrenzenden Landschaftsräume – Pappelallee der Berliner Straße

Kerne – Ränder – Zwischenzonen
Infolge der vielfältigen industriellen Nutzungsansprüche an diesen Teilraum ist ein Kern nicht eindeutig zu identifizieren. Dennoch weckt das Zusammenwirken kleinteiliger Bebauungs- und Nutzungsstrukturen mit integrierter Gewerbe- und Handelsnutzung den Eindruck eines durchaus belebten und kleinteilig individuell erneuerten Lebensraumes mit hohem Anteil an lokalen Ökonomien. Die – teilweise noch in Betrieb befindlichen – Restbestände von Produktionsanlagen auferlegen dem Teilraum einen großen Spielraum für störende Nutzungen und bedingen nur eine geringe Schutzwürdigkeit, da die viele Emissionen (z.B. Geruch, Abgase, Lärm) selbst aus dem Gebiet kommen. Funktionale Ränder werden gebildet durch die Bahnanlagen im Westen und die dort unmittelbar angrenzenden Gewerbe- und Industriegebäude jenseits der Berlinerstraße, dann durch die Hoffmannstraße sowie durch die Gewerbeanlagen nach Osten. Räumlich definierte Ränder sind nicht vorhanden. Die großflächigen Gewerbenutzungen, bzw. zum Teil deren bauliche Reste werden als Zwischenzonen betrachtet.

Erneuerungstätigkeiten und Bodenwerte
Erneuerungstätigkeiten sind kleinteilig vielfältig vorhanden. Die Bodenwerte entsprechen den Belastungen, die im Stadtteil infolge von Leerstand und noch bestehenden Produktionsanlagen mit Emissionen vorhanden sind.

Vorkriegssituation
Die Aufteilung der Flächennutzung mit Konzentration eines gemischt genutzten Bereichs östlich der Berliner Straße entspricht bereits weitgehend der heutigen Situation. Einige Fabriken waren bereits vorhanden, durch Bahnlinien sowie Straßen erschlossen und hatten die bunte Mischung heterogener industrieller Nutzung in Stadtnähe erzeugt. Freiräume sind, bis auf den Platz an der Jenaer Straße eher noch unbebaut, denn gestaltet. Weiter östlich bildet die Siedlung mit Karl-Liebknecht Platz eine Insel der Wohnnutzung mit tiefen Gärten. (Abb. 122)

Vorwendesituation
Die industrielle Nutzung ist südlich der Fritz-Hoffmann Straße stark verdichtet und nach Osten ausgedehnt worden. Die individuellen Bahnanschlüsse der Fabriken bestehen fort. (Abb. 123)

Nachwendesituation
Die Situation ist weitergehend durch die Industrie beeinflußt. Nach 1985 sind weiterhin Gewerbebetriebe angesiedelt worden. Dies betrifft vor allem Ausdehnungen südlich der Fritz-Hoffmann-Straße und der Reideburger Landstraße. Das Gebiet zeigt südlich dieser Straße den Charakter einer teils florierenden, teils verfallenden Industrieareals. Nördlich dieser Straße blüht zwischen Fragmenten großer Industriegebäude gemischte Nutzung auf. Letzte Blüte und Konzentration der Industrie sowie erste Umnutzungen für Kleingewerbe, Handel, Lagerung und Wohnen in preisgünstigen industriell geprägten Lagen entsprechen sich in dichtem Nebeneinander. Sowohl die Bahnlinie, wie auch die mittig verlaufende Landstraße geben dem Teilraum eine Orientierung. Innerhalb des nördlichen Teils gemischter Nutzung bedeutet die nahezu regelmäßige Querung durch Straßen mit Anschluß an die Berlinier Straße eine weitere Orientierung. Insgesamt bilden die öffentlichen Räume ein spannungsvolles Abbild eines Teilraumes im Wandel. Die privaten Räume sind, mit ihren großen Freiflächenanteilen, eine Herausforderung für die Intensivierung der Nutzungsmischung. (Abb. 124)

Gebaute und gelebte Räume - Bestand
Gelebte Räume liegen vorwiegend auf privaten Flächen und sind durch die individuelle Verknüpfung von Arbeits- und Wohnnutzung bestimmt. (Abb. 125)

Gebaute und gelebte Räume – Szenario
Im Kreuzungsbereich Jenaer und Wilhelmstraße wird eine Grünfläche angelegt und als zentraler öffentlicher Platz gestaltet. Der Platz wird integriert in die Anlage von Grünflächen auf umgebenden Brachen. (Abb. 126)

Empfehlungen
Orte
Der Teilraum sollte für Aufenthalt, Versorgung einen zentralen Platz an der Jenaer-/ Wilhelmstraße erhalten.

Öffentliche Räume
Das Netz der öffentlichen Räume wäre auf unbebauten Flächen auszudehnen und durch Begrünung von Straßen und integrierten Parkflächen zu differenzieren. Bestehende öffentliche Räume sind im Stadtgrundriss stärker lesbar zu machen.

Private Räume
Der Schutz der privaten Nutzungen durch Mauern und Tore ist fortzuführen. Einfamilienhäuser sind in diesem Sinne zu integrieren.

Unbebaute Räume
Brachfallende Industrie- und Gewerbeflächen sollten als Erholungsflächen umgenutzt werden und für die kleinteilig genutzten Gebiete einen neuen Rand bilden, der nach Süden – im Falle weiteren Brachfallens von Gewerbe und im Sinne der Integration neuer Gewerbenutzung in Grünräume - erweiterbar ist.

Teilbereich
Wittenbergstraße / Berliner Straße
Der Teilbereich zeigt die Umgebung des Platzes Jenaer/Wittenbergstraße sowie den Übergang zu den Industrienutzungen südöstlich der Bahnlinie. Die Heterogenität von Parzellierung, Bebauung und privaten Freiräumen sowie die lückenhafte Fassung des öffentlichen Raumes sind gut erkennbar. Unterschiede in der Massivität von Gebäuden und ihren Höhen sowie zwischengelagerte Freiräume mit Durchblicken, weiten unbebauten Flächen und einem gestaltbaren zentralen Platz bilden ein vielfältiges Potential für den Stadtteil. Von diesem Teilbereich ausgehend wäre eine neue räumliche Ordnung für den Teilraum zu entdecken. Der Stadtgrundriss wäre dementsprechend zu differenzieren.