Vorgehensweise

Der digitale Kartenauswertung diente für gesamt- und teilräumliche Untersuchungen vor allem dazu, für vier Zeitschnitte (Vorkriegssituation, Nachkriegssituation– Vorwendesituation, Zukunft/ Szenarien) und gewählte Aspekte der Untersuchung die Informationsbasis und das Gerüst für die Darstellung der nachfolgend aufgeführten Arbeitsschritte herzustellen:

Die Erfassung von Merkmalen der Veränderung geht von historischen Längsschnitten zu gewählten Aspekten aus und bereitet gesamt- und teilräumlich die Bestimmung der örtlichen Besonderheiten in den drei Städten vor. Hierzu werden die Topografie, die Funktionsteilung, die Grün- und Landschaftselemente und die vorhandenen und möglichen Brachen (noch bestehende industrielle Nutzungskonzentrationen von Gewerbe und Wohnen, auch die bereits durch Wohnen umgenutzten Brachen ehemaliger Militärflächen) sowie die öffentlichen und die privaten Räume und die Bodenwerte erfasst. Berücksichtigt wurden auch die Verflechtungen der jeweiligen Stadt mit dem Umland.

Hierfür waren zunächst keine eigenen Untersuchungen vorgesehen, da die drei Städte bereits durch eine andere, überaus aktuelle Untersuchung in ihren Verflechtungsbeziehungen genauestens analysiert worden waren. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Gutachten zur Verflechtung vor allem funktionale Aspekte der Verflechtung verfolgt hatte. Für das Forschungsvorhaben war jedoch von Bedeutung, welchen raumstrukturellen Charakter die am stärksten verflochtene Gemeinde hat. Dies wurde für bedeutsam erachtet, um die Attraktion der Umlandgemeinde in ihrem Verhältnis zu den Standortvor- oder nachteilen der Kernstadt näher zu bestimmen.

Die Bewertung von Faktoren des Wandels schlägt methodisch einen ähnlichen Weg ein: Sie folgt den historischen Längsschnitten für öffentliche und private Räume, für gebaute und gelebte Räume. Integriert in diese Längsschnitte ist die historische Entwicklung der Freiräume.

Für den Ausdruck der Geschichte in der Gegenwart werden die Bodenwerte betrachtet als ein immobilienwirtschaftliches Indiz bei der Suche nach der örtlich besonderen „Topografie der Werte“.

Diese werden mit ihren Hierarchien den räumlichen Hierarchien der öffentlichen und privaten Räume gegenübergestellt und auf Übereinstimmung hin untersucht. Zugrunde liegt die Frage, ob räumliche Hierarchien für die örtlichen Besonderheiten höhere Werte aufweisen als funktionale Hierarchien. Die Bewertung nutzt spezifizierende räumliche Querschnitte für die Erfassung der örtlichen Besonderheiten in ihren kontextualen Gegebenheiten: Hierbei werden die Gefüge von Kernen, Rändern und Zwischenzonen mit den Merkmalen „öffentlicher“/„privater“ und „gebauter“/ „gelebter“ Räume gesamträumlich umfassend und teilräumlich exemplarisch hinsichtlich ihrer strukturellen Voraussetzungen für Erneuerung im Verhältnis zu den Vermächtnissen der „funktionalen Stadt“ untersucht.

In den gesamträumlichen Untersuchungen erfahren Topografie und Landschaft, Einflüsse der funktionalen Stadt sowie Kerne und Ränder besondere Aufmerksamkeit als Rahmen der vertiefenden Untersuchungen. Kerne und Ränder wurden zu Beginn der Untersuchung auf Prozesse der Veränderung im Verhältnis zu Abschnitten der Industrialisierung betrachtet. Diese Schritte werden textlich exkurshaft wiedergegeben. Ebenso erfahren die örtlich besonderen Entwicklungsverläufe der „funktionalen Stadt“ besondere Aufmerksamkeit durch tabellarische Übersichten zur Anlage und Veränderung von Lebenswelten durch den Niederschlag genereller, globaler Einflüssen der Systemwelten auf die drei Städte.

Die Auswahl der näher zu untersuchenden Teilräume betrifft in allen drei Städten vergleichbare strukturelle Bedingungen der industriellen Entwicklung:

zentraler Altstadtkern
vorindustriell angelegter, industriell mehrfach überformter Kern
vorindustriell angelegte Überlandstraße mit ausprägten industriellen Einflüssen unterschiedlicher Perioden
Siedlung der 1920er Jahre mit Rändern und Übergängen zu Kernen.

In diesen Teilräumen werden wiederum für ausgewählte Teilbereiche die Merkmale von öffentlichen und privaten Räumen räumlich visualisiert und so für die Wahrnehmung der Lesbarkeit und der Nutzbarkeit durch fremde Betrachter aufbereitet. Die Visualisierung soll Anregung sein, diese und andere Teilbereiche in ihrer Position im Raumgefüge eigenständig zu erkennen und Strukturelemente zu lokalisieren und zu identifizieren, um auf dieser Grundlage selbst Modelle der Veränderung von Räumen als Vorstellungs- und als Darstellungsräume.

Empfehlungen betreffen angestrebte Synthesen für eine Veränderung der strukturellen Bedingungen der „funktionalen Stadt“. Groß- und kleinräumliche Empfehlungen entsprechen sich in der Ausrichtung auf die Komplementarität öffentlicher und privater Räume.

Sie werden durch gesamträumliche Szenarien zur Funktionsteilung und Begrünung sowie durch teilräumliche Szenarien zum Verhältnis gebauter und gelebter Räume vorbereitet. Anordnungsformen der Bebauung (Plattenbauten, Blockbebauung der Gründerzeit) gelten nicht isoliert als relevante Bewertungsgrundlagen, da es - anders als in der Nachkriegsgeschichte - um neue raumstrukturelle Zusammenhänge für Verflechtung geht.

Als hypothetisches Grundgerüst für Empfehlungen wurden punktuelle, lineare und flächenhafte Vorschläge perspektivisch zusammengeführt mit folgenden Schwerpunkten für eine innovative „Produktion von Raum“:

Orte im Raumgefüge (Abb. 12) - Orte sind in ihrer Stellung innerhalb der Gefüge öffentlicher und privater Räume als Träger historischer Identität und möglicher neuer Impulse für die Entwicklung der Stadträume gesamt- und teilräumlich zu lokalisieren, in ihren Eigenarten für die Wegweisungen zwischen Geschichte und Zukunft zu identifizieren und in räumliche Zusammenhänge zu integrieren (Nutzungsmischung, Wegebeziehungen). Dies dient der groß- und der kleinräumlichen Stärkung gebauter und gelebter Räume.
Private Räume (Abb. 13) - Vielfältig nutzbare Typologien sind durch räumlichen Schutz der privaten Nutzungen als individuelle und gemeinschaftliche Lebensräume zu stärken. Eine Verflechtung von Nutzungen wird für unterschiedliche Dimensionen der Verflechtung (Kommunikation, Dienstleistung, Warentausch) angestrebt; Nutzungsvielfalt und verbindende Räume sind für die „Einbettung“ auch globaler Vernetzungen in örtliche Situationen zu intensivieren. Nutzungsgemischte Strukturen sind auf verbliebene Dominanz von Funktionalität zu prüfen und tendentiell von dieser zu befreien; Freiräume sollten weniger der Verkehrsfunktion als der Erholung und der Ausdehnung von Wohnen und Arbeiten dienen. In Gebieten mit hohem Anteil an Monofunktionalität wird Rückbau erwogen, wo nachträgliche Mischungen großflächig nicht möglich sind.
Öffentliche Räume (Abb. 14) - Raumbildende Fassungen privater Räume sind zugunsten der Lesbarkeit von Raumgefügen zu stärken. Öffentliche Räume sollten Netze und Hierarchien bilden und so die Differenzierung der Gefüge privater Räume unterstützen. Hierbei sind sowohl Nischen privater Nutzung in halb-öffentlichen Räumen als „siedlungsinterne gelebte Räume“ wie großflächige öffentliche Räume in ihrer Bedeutung als „stadtzentrale gelebte Räume“ zu stärken. Verkehrsfunktionen sollten in Verbindung mit raumbildender Begrünung so integriert werden, dass eine gleichwertige Aufteilung der Flächen für unterschiedliche Nutzer (und ihre Schutzbedürfnisse) erfolgt und die privaten Räume von Verkehrsfunktionalität entlastet werden.
Unbebaute Räume (Abb. 15) - Freigewordene und freiwerdende Flächen sind als „Kulturlandschaft“ zu gestalten; es gilt, ihre Nutzbarkeit innerhalb der Stadträume aufrecht zu erhalten und ihre Geschichtlichkeit erfahrbar zu machen. Brachen und vorhandene Landschaft werden zunehmend verbindende Elemente zwischen Kernen sein. Einzelne Grünräume innerhalb besiedelter Bereiche, insbesondere gewässernahe Räume, sollten miteinander stärker vernetzt werden. Die Ausprägung der Ränder im Übergang zur Landschaft wird auf privaten und öffentlichen Flächen angestrebt. Sie müssen in ihrer Nutzung und Gestaltung wesentliche Beiträge leisten zur Nutzbarkeit und Lesbarkeit neuer dezentraler urbaner Räume in Kernen, Rändern und Zwischenzonen.

Die Formulierung der Empfehlungen konnte erst erfolgen, als alle Teilschritte der Untersuchung gesamt- und teilräumlich vollzogen waren und die Rückkoppelung gesamt- und teilräumlicher Aspekte vollzogen war.