Positionsbestimmung - Qualifizierung

Entsprechend den aufblühenden Realitäten der individualistischen Einfamilienhausgebiete und einiger um Aufmerksamkeit ringender Neubauprojekte in den Innenstädten, hat die Diskussion um Städtebau in den ehemaligen sozialistischen Staaten, und so auch in Ostdeutschland, noch keine eigene Identität für einen neuen Entwicklungsabschnitt nach der Wende gefunden. Dennoch, städtebauliche „Entwicklung“ ist denkbar als „Qualifizierung“ quantitativ reduzierter sozialräumlicher Situationen.

Das Forschungsprojekt hat eine zentrale Bedeutung für langfristige Perspektiven einer solchen Identität. Die historischen Längsschnitte durch die Paradigmen von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie sowie Städtebau- und Raumstrukturentwicklung und die thematischen Querschnitte zu örtlichen Besonderheiten der Städte Halle, Dessau und Magdeburg stellen die Weichen dafür, dass die Geschichte des Städtebaus nicht über den Fragen der Gegenwart in Vergessenheit gerät.

Die Geschichte des Städtebaus stellt die Verbindung her zwischen Raumstrukturen und Architekturen, ist jedoch mit keinem der beiden Felder identisch. Will man die Felder unterscheiden, so kann man Raumstrukturen als das in Veränderung begriffene Ergebnis der baulichen und sonstigen Landnutzung von Städten und Regionen sehen und Architekturen als das in Veränderung begriffene Ergebnis der gesellschaftlichen und baulichen Nutzung von Grundstücken. Städtebau - als Verbindung - ist dann die Haltung und Kultur der jeweiligen Gesellschaft und Politik, beide Felder jeweils einzeln und in ihrem Zusammenspiel zu ausgewogenen Ergebnissen für die jeweiligen örtlich besonderen und zeitbedingten Ansprüche an Lebens- und Wirtschaftsräume hinzuführen. Hat die Geschichte des Städtebaus bisher die Aufgabe gehabt, die industrielle Entwicklung vorzubereiten, zu begleiten und in ihren Verlusten der industriellen Krise auszugleichen, so drängen, gerade in stark de-ökonomisierten Regionen wie in Ostdeutschland, zeit- und ortsbedingt neue Aufgaben auf Lösung und stellen sich neben die bekannten, tradierten.

Wesentliche neue Aufgaben liegen im Erkennen und Umgehen mit dem Zerfall der funktionalen Stadt, die erst die Industrialisierung eingeführt und getragen hat und nun ihre Auflösung integrieren muss. Alle geltenden Gesetze und Instrumente des Städtebaus und der Stadtplanung sind bestimmt durch die Rechte und Pflichten der Nutzung von Eigentum, durch die Pflicht der Kommunen Daseinsvorsorge zu leisten sowie durch die obsolete Logik des flächenhaften Wachstums und der damit verbundenen Aufwertung von Flächen, Räumen und Bebauungszusammenhängen.

Diese Logik war Ausdruck der Wiederherstellung der Industrie nach dem II. Weltkrieg. Heute stehen wir, insbesondere in Ostdeutschland und dort mit zeitlichem Vorsprung gegenüber westeuropäischen Ländern, vor der Frage, wie die Landnutzung zu regeln ist zugunsten der Wiederherstellung spät- bis nachindustrieller Wirtschaftskraft. Das Eigentum an Boden ist entweder zersplittert oder flächenhaft konzentriert und in beiden Fällen nur mit Einschränkung für eine subventions-unabhängige, individuelle Erneuerung der Stadträume stark genug. Die Planungshoheit der Kommunen wird, nach Jahrzehnten zentralistischer Planung, gerade erst neu entdeckt, erscheint vielen Gemeinden als Gefahr eines späten „Dirigismus“ gegenüber den so begehrten Investoren und wird deshalb inhaltlich kaum ausgefüllt. Auch bedeuten die Interessen der anteiligen Eigner am Vermögenshaushalt der Kommunen, die Wohnungsgesellschaften mit ihren großflächigen Beständen, eine einseitige Überladung öffentlicher Belange, die die notwendige Abwägung öffentlicher und privater Belange im Vorfeld der Ausübung der Planungshoheit oft massiv erschwert oder faktisch ausschließt.

Veränderungen der materiellen Bedingungen in den Städten geschehen dennoch, meist zuungunsten einer Qualitätssteigerung der Räume, durch Leerstand und Zerfall. Der dadurch bedingten schleichenden Entwertung stehen ein unstimmiges Konzert politischer Strategien und widersprechende Logiken der Bodenmärkte unter neuen westlichen und alten sozialistischen Prägungen einander gegenüber.

Langfristig notwendige Maßnahmen zum teilräumlichen Aufhalten von Entwertung finden keine Geldgeber. Geld wird vergeben für die Wertsteigerung von Wohnungsbeständen, die hinsichtlich veränderter Anforderungen an nachindustrielle Lebensräume längst als obsolet gelten und zunehmend durch Abwanderung bedroht sind. Langfristige Strategien, insbesondere für die Stärkung räumlicher und funktionaler Zusammenhänge der Stadträume, werden zwar verbal gefordert, jedoch nicht umgesetzt, da sie im offensichtlichen Widerspruch zu der Verteilung von Eigentum und zu den Förderpolitiken stehen, deren vorrangige Aufgabe es offiziell ist, Eigentümer wieder unternehmerisch tätig werden zu lassen. Die vorliegende Forschung wagt es, langfristige Perspektiven für die Entwicklung der Stadträume aufzudecken. Diese Wahl des Themas ist keine Ignoranz gegenüber den herrschenden Zwängen der Situation, sondern Bekenntnis zu den notwendigerweise nachhaltigen Denk- und Bewertungslogiken in der Beschäftigung mit Raum und mit Möglichkeiten seiner gesellschaftlichen Aneignung aus spätindustrieller Sicht. Diese Langzeitperspektive wird hier historisch und in die Zukunft gerichtet verfolgt, um eine Vi-sion offen zu halten für Qualitäten in Lebens – und Systemwelten, die es derzeit noch nicht gibt. Die Kurzzeitperspektive der unmittelbaren Abwendung von Prozessen des Werteverfalls ist daneben nicht vernachlässigt, sondern wird, im Verhältnis zu unabdingbar erkannten Rahmenbedingungen der langfristigen Entwicklung, einem Antrag auf nachfolgende Forschungsförderung unterstellt.

Zum besseren Verständnis der Ziele der Forschung sei an dieser Stelle mit Blick auf beide deutsche Staaten zur Nachkriegsentwicklung im Städtebau international Position bezogen: Wir müssen die Postmoderne der Nachkriegszeit immer noch überwinden. Ein alltagsbezogenes Denken in strukturellen Zusammenhängen, dass neue Möglichkeiten für die Gestaltung unserer Lebensräume offen halten und zu Synthesen von Raumnutzung, Konzeption und Raumerleben ganzheitlich hin führen würde, (ohne Konzeption und Raumerleben auszuklammern oder räumlich zu isolieren), müssen wir hinsichtlich neuer Bedingungen für Wohnen und Arbeiten neu lernen. Um von der Geschichte und ihren Mustern hierfür frei zu sein, müssen wir die Bedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft historisch sehen lernen. Dazu müssen wir grundsätzliche Werte von Zusammenhängen wieder neu schätzen und leben lernen. Es steht eine neue Erfahrung der Verortung von Lebensräumen an, deren Erfahrung die Moderne bis etwa 1930 – trotz vorangeschrittener Einflüsse der Industrialisierung - noch in Form von Zusammenhängen unterschiedlichster Art integriert hat. Viele Ansätze der späteren Moderne und der Postmoderne haben generelle Trennungen von Zusammenhängen infolge der Wiederherstellung der Industrialisierung gespiegelt. Die „funktionale Stadt“ ist der Rahmen, der diese Trennungen für Städtebau und Architektur historisch symbolisiert. Wagt man es, heute in Ostdeutschland von notwendigen strukturellen Zusammenhängen der Stadträume zu sprechen, so wird dieser Blickwinkel aus der Ecke der „Praxis“ mit Hinweisen auf rechtliche und vermeintliche wirtschaftliche sowie finanzierungstechnische Hindernisse zurückgewiesen (die notwendige Entschuldung der Wohnungsbaugesellschaften bedeutet dabei eine langfristige Bindung mit äußerster Relevanz; zu fragen wäre, welche anderen Wege zu einer Entschuldung hinführen könnten); aus der anderen Ecke, der eigenen „Profession“ des Städtebaus, werden Vergleiche mit Neo-Klassizismus, Historismus und DDR-Wiederaufbaugedankengut zur „Ermittlung der örtlichen Bautraditionen“ entgegen gesetzt. Unabhängig von dieser „kulturellen Debatte“ bleibt das praktische Problem ungelöst, ehemalige Konzentrationen flächenhafter Nutzungen ohne kleinteilige Parzellierung in Konzepte für individuelle Erneuerung mit privaten Mitteln zu integrieren.

Dies ist eine Folge des Wechsels der Staatssysteme. Das Problem geht zurück auf den Gedanken der sozialen „Gleichschaltung“ und kann nur durch Strukturveränderungen zur Integration von Wandel der Nutzungen aufgebrochen werden, - nachdem Architektur- und Städtebaugeschichte ohne praktischen Bezug zu örtlichen Besonderheiten und ihren Veränderungen, auch der Parzellierung, so lange aus politisch-wirtschaftlichen Gründen formalisiert worden sind. Sozialistischer Staatskapitalismus mit dem städtebaulichen Ergebnis des Sozialistischen Realismus nach dem II. Weltkrieg und amerikanischer Spätkapitalismus mit dem städtebaulichen Ergebnis des New Urbanismus haben einige Parallelen in der gesellschaftskonformen Codierung der Produktion von Raum, wenn auch mit konträren politischen Vorzeichen. Ein Blick in die Bedingungen aus der Zeit vor 1930 in beiden Staatssystemen zeigt jedoch, in welchem Maß der Prozess der Entwicklung am Ort bis dahin die Regeln der Stadtentwicklung mit breiter Pluralität von Stilen und Konzepten der Moderne und der arts- und crafts-Bewegung der Vor-Moderne über viele Perioden der Entwicklung hinweg bestimmt und immer wieder auf’s Neue angeregt hat.

Dieser Rückblick soll nicht als Hinweis auf eine notwendige Wiederaufnahme der Bedingungen aus der Zeit bis 1930 in Gegenwart und Zukunft missverstanden werden. Es ist der Hinweis auf eine notwendige Suche nach strukturellen Bedingungen, die Wandel in geeigneter Weise für die jeweilige Zeit am Ort langfristig aufnehmen, ohne politische Ideologien und ihre Übersetzung in Stile entgegen nachfolgenden Nutzungsanforderungen festzuschreiben.

Da Stadtentwicklung zunehmend durch kleinteiligen Wandel getragen wird, sollte die kleinräumliche Entwicklung konstruktive Beiträge leisten zu großräumlich relevanten Merkmalen. Dabei sollte das Gefüge der öffentlichen Räume, je nach örtlichen Besonderheiten, in der Gliederung und Differenzierung von Teilräumen gestärkt werden; zugleich sollen die Teilräume für Fremde zugänglich sein und für alle Nutzer miteinander verbunden werden. Dies würde der sinnlichen Wahrnehmbarkeit der Stadträume und ihrer Qualität als Lebensräume dienen. Für diese Ziele hat der Städtebau eine Verantwortung als Disziplin, die nicht nur gleichberechtigt neben anderen Disziplinen (Wirtschaft, Ökologie, Soziales) steht, sondern wesentliche Voraussetzungen für die Erfüllung der Aufgaben anderer Disziplinen herzustellen und zu steuern hat. Die Qualität dieser Steuerung ist nicht mehr mit Argumenten vordergründiger Marktrationalität zu binden. Die gesamtgesellschaftliche Wirtschaftlichkeit und die soziale Verantwortung, die im Rahmen fortsetzbarer Entwicklung gefordert sind, stellen Ansprüche an umfassendere Abwägungen raumwirksamer und sozialräumlicher Veränderungen, die es gesamträumlich vorzubereiten und teilräumlich zu vollziehen gilt.