Fragestellung und Ziele

Hinsichtlich der notwendigen sozialräumlichen Integration von Wandel wird die Frage gestellt: Welche Bedingungen ermöglichen Synthesen groß- und kleinräumlicher Veränderungen, die die Lesbarkeit der Stadträume als Wirtschaftsstandorte in der Region stärken und zugleich die Nutzbarkeit der Teilräume für das Leben in der Stadt intensivieren? Die Frage nach den Bedingungen umfasst auch die Frage nach den Trägern von Veränderung. Die These hierzu lautet: Lesbarkeit und Nutzbarkeit von Stadträumen sind komplementäre Qualitäten, die sinnlich wahrnehmbar sind und zugleich - in ihrer örtlich besonderen Ausprägung - rational begründbare Synthesen von Gebrauchs- und Gestaltwerten für unterschiedliche Nutzergruppen darstellen können. Gesucht werden das Profil der Wirtschaftsstandorte in Abhängigkeit von ihren regionalen und örtlichen Besonderheiten, das Profil der Lebensräume im Sinne von materiellen Grundlagen der Daseinsvorsorge. Als Träger dieser Veränderungen werden die Altersgruppen aller Schichten gesehen, die nach der Wende groß geworden sind.

„Lesbarkeit“ ist Kriterium für die sinnliche Erfahrbarkeit des Stadtraums und seiner Teilräume. Es dient der Orientierung bei der Suche nach Standorten und ist Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Kommunen in der Präsentation einer örtlich besonderen Individualität. Nach Lynch (1960) liegen Kriterien für Lesbarkeit in der kontextuellen Wirkung von folgenden Merkmalen:

Regional bedeutsame Achsen und Wege, Alleen (ortsverbindend)
Kreuzungen und Ecken, straßenbegleitende Bebauung
Bereiche, Zusammenhänge mit Erfahrbarkeit von “innen und “außen”
Landmarken, z.B. Schornsteine
Orte (unverwechselbar geprägte räumliche Situationen, integriert als Plätze, exponiert als Gebäude).

Die Anwendung dieser Merkmale dient der Unterscheidung von örtlich besonderen Raumbildungen im Gegensatz zu indifferenten Zonen flächenhaft ausgedehnter Funktionen. Die Relevanz dieser Merkmale für heutige und zukünftige Stadträume wird generell zugrunde gelegt unter der Prämisse, dass gesellschaftliche und örtliche Einflüsse die Wahrnehmung dieser Merkmale zwar färben, jedoch nicht grundsätzlich infragestellen. Die industrielle Entwicklung hat zwar vielfältige Phänomene von Raum, Umwelt und - auch virtuellen - Wahrnehmungsmöglichkeiten hervorgebracht. Letztlich, und gerade in Zeiten ökonomischer Engpässe, ist es die Raumnutzung unter herrschenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die die Wahrnehmung von Merkmalen der Lesbarkeit vor dem Hintergrund der Kenntnis von Vorstellungsräumen und der Erfahrung von Darstellungsräumen [Anm. 24] stark beinflusst. Wahrnehmung, Kenntnisse und Erfahrungen verändern sich historisch und müssen deshalb vor dem Hintergrund ihrer historischen Bedingungen gesehen werden.

Das Forschungskonzept geht davon aus, dass ein qualitativer Sprung in der historischen Entwicklung der Räume ansteht: hin zu neuer Qualität für den Gebrauch der Räume. Gespräche und Wahrnehmungsübungen mit Architektur-Studenten aus fünf Jahrgängen an der Hochschule Anhalt haben dies in besonderer Weise bestätigt: Gerade die räumlich-baulichen Einflüsse aus der Zeit seit 1980 wurden in ihrer qualitativen Einschränkung von Gestalt infolge eines ausschließlich funktionalen „Ausverkaufs von Flächen“ oder aber infolge aufwendiger Gestaltung zugunsten eines beabsichtigten „Verkaufs“ von „corporate identity“ oder von „individueller Selbstdarstellung und sozialer Abrgrenzung im Einfamilienhaus“ kritisch identifiziert. Diese Gespräche waren eine wichtige Basis für ein neues Verständnis der „Produktion von Raum“24 im Sinne neuer Verflechtungen gebauter und gelebter Räume, nachdem die „funktionale Stadt“ ihre letzten Blüten der Entflechtung von Nutzungen in Form von Gestaltdifferenzierungen durch „Technik-Art-Architektur“ und „Landschafts-events“ bis zum Ende der 1990er Jahre hervorgebracht hat und im Rahmen dieser vereinzelten Phänomene auch den Weg zur neuen Bedeutung von Orten und von Verortung wieder angedeutet hat. Der Weg zur bescheidenen Gebrauchstauglichkeit wurde durch diese „Spitzen“ der postmodernen Modernisierung von Städten insbesondere in Ostdeutschland für die Qualifizierung der Stadträume neu eröffnet. Er kann, unter Einbeziehung neuer technischer Möglichkeiten der Kommunikation, bestehende Realitäten kreativ als Gegenbilder nutzen für neue Maximen in (Alltags)-Architektur und Raumbildung. Ausführungen zur historischen Entwicklung des Zusammentreffens von Raumnutzung, Vorstellungs- und Darstellungsrealitäten von Räumen liegen dem hier dargestellten Verständnis zugrunde ( s.S. 12 - Wirtschaft und Funktionalität - zur „Produktion von Raum“)

„Nutzbarkeit“ ist Kriterium für Art und Intensität der Nutzung von Bebauung und Freiräumen, je nach Anordnung der Bebauung auf dem Grundstück und im Verhältnis zum öffentlichen Raum [Anm. 25]. Die Aneignung von Flächen für Nutzungsarten und Nutzer ist dabei vor allem abhängig von folgenden Bedingungen:

Aufteilung von Flächen für die Verantwortungsübernahme durch einzelne Personen und Gruppen, zum Beispiel in Form von Eigentumsbildung
Nischenbildung und Unempfindlichkeit gegenüber gewerblichen Nutzungen, zum Beispiel für die Entwicklung lokaler Ökonomien
Räumliche und funktionale Verknüpfung von Bebauung und Freiräumen für individuelle oder gemeinschaftliche Nutzung
Räumlich wirksame Trennung und zugleich Verbindung für Durchblicke und Durchgänge zwischen öffentlichen und privaten Räumen

Die Komplementarität dieser Kriterien trägt einem Zusammenwirken von Architektur und Stadtraum Rechnung. Architektur wird weiterhin als individuelle Wahrnehmungs- und -nutzungsebene von Stadt verstanden. In Form einer Übersetzung in strukturelle Bedingungen wird Architektur jedoch darüber hinaus als Summe der Elemente von Stadtnutzung und Raumbildung gesehen. Soll sie fortsetzbare Erneuerung tragen, muss sie dem Anspruch an Robustheit [Anm. 26], d.h. an eine Wandelbarkeit des gesamten Stadtraums, im Sinne der gesamt- und lokalgesellschaftlich zu verantwortenden Wirtschaftlichkeit für Ansprüche der Verflechtung genügen. Dieser Aspekt entspricht der kritischen Betrachtung der „funktionalen Stadt“ und umfasst die Frage, welchen Wandel die Städte in ihrer jeweiligen Komplementarität als „gebaute/ gelebte“ und als „private/ öffentliche“ Räume erfahren haben und erfahren können.