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Demographischer Wandel und Rückbau in den drei Städten erforderten im Vorfeld des Forschungsprojekts eine Stellungnahme zu unterschiedlichen Entwicklungsperspektiven. Lineare Fortschreibungen von demographischen Prognosen als einzige wissenschaftliche Grundlage werden ausgeschlossen. Der „worst case“ von Abwanderung und Leerstand wird aber als eine Möglichkeit einbezogen, die in Verbindung mit innovativen, derzeit unbekannten Einflüssen und Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Demografie zu berücksichtigen ist. Hierbei werden insbesondere generationsbedingte Wechsel in der Wahl von Lebensräumen mit der Konsequenz flächenhaften Brachfallens noch genutzter Lebensräume für bedeutsam erachtet. Diese Perspektive ist gestützt durch neuere Forschungen zu örtlichen Prozessen der Suburbanisierung im Umfeld der großen Städte, auch und besonders mit Blick auf die Wechselwirkung zwischen west- und ostdeutschen Einflüssen [Anm. 6].
Einzelne Orte, oft einzelne Nutzungen sind Ausdruck und Antrieb von Veränderung. Dabei sind „nachholende“ Prozesse der Suburbanisierung grundsätzlich zu unterscheiden von neuen Synthesen wirtschaftlicher und räumlicher Veränderung. Eine solche „Dynamik“ ist enthalten in dem Stadtmodell der allmählichen Auflösung einer flächenhaften industriellen Konzentration von Funktionen zugunsten neuer Nutzungsmischungen an einzelnen Orten [Anm. 7].
Nachindustrieller Strukturwandel von Gesellschaft und Wirtschaft wird im Sinne offener Szenarien zugrunde gelegt [Anm. 8]. Der zeitliche Rahmen für diesen Wandel wird mit 50 Jahren veranschlagt. Dies entspricht dem Zeitraum für die Verbreitung der Informationstechnologien.
Aufgrund der historischen Einflüsse der Industrie und wegen der vollzogenen De-ökonomisierung wird nicht davon ausgegangen, dass die Informationstechnologie zum tragenden Wirtschaftszweig wird. Der Zeitrahmen entspricht auch dem Ziel nachhaltiger Entwicklung der Raumstruktur, die Veränderbarkeiten in den Stadträumen für eine periodische Erneuerung von Orten nutzen und so der kurzfristig orientierten Verwertungslogik herrschender Finanzmärkte eine andere wirtschaftliche Rationalität entgegensetzen kann. Im Widerspruch zu den derzeit schwachen wirtschaftlichen Impulsen in Ostdeutschland und den auslaufenden Prozessen von Wachstum in Westdeutschland werden die Chancen für einen nachindustriellen Strukturwandel im Osten der Republik, nicht zuletzt aufgrund raumstruktureller Potentiale, grundsätzlich als recht hoch eingeschätzt.
Als wesentliche Erfolgsvoraussetzung wird jedoch - im Gegensatz zu aktuellen Praktiken - die notwendige Sorgfalt im Umgang mit den raumstrukturellen Bedingungen gesehen. Diese sind lange Zeit, neben der Industrie und anderen Arbeitsmärkten als „weiche“ Standortfaktoren der Wirtschaft betrachtet worden. Tatsächlich erlangen sie jedoch zunehmende Bedeutung als „harte“ Standortfaktoren bei Ansiedlungsprozessen jeder Art. Die „Produktion von Raum“ ist ein Wirtschafts- und ein Standortfaktor geworden. Diese Prämisse geht zurück auf Erkenntnisse der Innovationsforschung [Anm. 9] und der Raumstrukturforschung [Anm. 10] . Beide Forschungsrichtungen stimmen darin überein, dass Situationen, die kollektive Erinnerung an die industrielle Geschichte tragen, als „gefangene“ Standortvorteile wirken [Anm. 11]. Im Zusammenwirken mit anderen Standortvorteilen (z. B. Humankapital) und Agglomerationsvorteilen der Ausnutzung von Infrastruktur bilden diese Standortfaktoren „innovative Milieus“ und erleichtern die Aufnahme von Neuerungen in Technologie, Wirtschaft und Raum. So geht die Forschung davon aus, dass „gefangene“ Standortfaktoren eine hochwertige Qualität für die Orientierung von Investitionen darstellen und deshalb an Bedeutung für die Erneuerung der Stadträume gewinnen werden. Die Voraussetzungen für Erneuerung werden vor allem in Raumgefügen gesehen, die Wandel kleinteilig aufnehmen können, ohne dass dadurch ihre gesamträumliche Lesbarkeit oder ihre teilräumliche Nutzbarkeit eingeschränkt werden würde. Die Orte der mittelalterlichen und auch der frühindustriellen Siedlungsgründung tragen hierfür Bedeutung in Form eindeutig erkennbarer und regional bedeutsamer Schnittstellen von Wegen und Siedlungsräumen, die Orientierung bieten und Wandel traditionell integriert haben. Auch die Schienenwege der industriellen Zeit haben bis heute Siedlungserschließungen geprägt, die noch für Veränderung offen sind [Anm. 12]. Andere Bedingungen mit ähnlicher Attraktivität werden gesucht. Perspektiven für die Orientierung von Investitionen betreffen dementsprechend die Erfassung und Sicherung struktureller Bedingungen für die fortgesetzte und die fortsetzbare Erneuerung von Standortgunst, auch mit Bezug zu freiwerdender „natürlicher“ Standortgunst Wasser oder Landschaft.
Das Konzept geht davon aus, dass westliche Einflüsse auf die Bodenmärkte langfristig mit bestehenden Bedingungen sinnvolle Synthesen bilden müssen. Dabei wird als unvermeidlich erachtet, dass die Konkurrenz der Städte untereinander ein Abbild findet in der Konkurrenz der Standorte von Qualifizierung innerhalb einer Stadt und im Verhältnis zum Umland. Diese Erkenntnis entspricht der grundlegenden Instabilität von Städten und dem Wandel der Stadträume infolge der Wanderung von Investitionsinteressen [Anm. 13]. Ebenso wird berücksichtigt, dass Raum seit der industriellen Krise in neuer Weise ein wesentlicher Faktor von Produktivität geworden ist [Anm. 14]. Die „Randwanderung“ von Siedlungsansprüchen in Europa - in Ostdeutschland vor allem von den Stadtkernen her [Anm. 15] - ist Ausdruck von Politik und Nachfragen nach bestimmten Arten von Lagegunst. Dahinter stehen steigende Flächenansprüche der Nutzer und neue Verständnisse von Raum, die eine Inszenierung von Raum und Umwelt neben neuen Gebrauchswerten als zunehmend bedeutsamen Bestandteil der Qualität von Lebenswelten sehen. Daneben stehen nach wie vor zweckrationale Ansprüche an die Bodennutzung, die der Verwertung von Lagegunst dienen und die bestmögliche Ausnutzung von Flächen zum günstigsten Preis nachfragen [Anm. 16].
Die Anforderungen an die „modernen“ Lebensbedingungen der Zeit vor, während und nach der industriellen Krise waren durch immer geringere Tragweite von Innovationen [Anm. 17] gezeichnet und spiegelten so die Logik der massenhaften Verbreitung von Produkten (z.B. Autos) im Raum wider. Nachindustrielle Lebensbedingungen werden gesellschaftliche Produktivität - neben der fortgesetzten Verbreitung von Produkten - in anderer Weise spiegeln und werden neue Anforderungen an die Beschaffenheit der Orte von Produktivität richten. Die hierfür zu erwartenden Nachfragen nach „Qualität“ der Räume werden auch und vor allem ihre Eignung zur Unterstützung neuer Organisationsformen von Alltag, Wohnen und Arbeiten, umfassen. Im Mittelpunkt dieses Verständnisses von „Qualität“ werden „Raum“ und „Raumstruktur“ als „raumbildende“ Bedingungen für die Verflechtung von Kommunikation und Austausch von Beziehungen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen gesehen [Anm. 18]. Diese Vorstellung umfasst perspektivisch eine Differenzierung von Räumen sowie eine Sicherung verbliebener Nischen von Bodennutzung, die industriellen Prinzipien der Optimierung von baulicher Nutzung nur eingeschränkt entsprechen [Anm. 19]. Sie betrifft auch und vor allem Räume, die zur Entstehung und zur Stärkung lokaler Ökonomien beitragen [Anm. 20]. Grundlage für diese Perspektiven ist die Akzeptanz der Phänomene von „Zwischenstadt“ [Anm. 21] in Verbindung mit dem Ziel, diese erst 40 - 70 Jahre alten Phänomene langfristig zu integrieren in eine Stärkung der viel älteren - historisch transformierten - Kerne und möglichen neuen Kern-bildenden Nutzungsmischungen von Wohnen und Arbeiten im Gefüge von Stadt und Umland [Anm. 22]. Diese Vorstellung findet Entsprechung in dem Stadtmodell der Auflösung zentraler Konzentration von Funktionen durch neue dezentrale Nutzungsmischungen an einzelnen Orten [Anm. 23].
Im Zuge knapper werdender öffentlicher Mittel wird Erneuerung von Stadträumen nur noch dort geschehen, wo vorhandene strukturelle Bedingungen Werte bieten, an die private und - eingeschränkt öffentliche - Aktivitäten in ökonomisch sinnvoller Weise anknüpfen können. Dies sind niedrige Bodenwerte, geringe Nutzungsbeschränkungen und hohe Qualitäten im Kontext zukünftiger Bedingungen für unterschiedliche Ansprüche an eine Verflechtung von Wohnen und Arbeiten.
Die Qualifizierung von Standorten für den Strukturwandel wird Lagen in Anspruch nehmen, die wesentliche Voraussetzungen für vielfältige, sozial unterschiedliche private Initiativen der Erneuerung von Wirtschaft und Raum bieten. Entsprechend den unterschiedlichen Bedarfen der gesellschaftlichen Gruppen werden infolgedessen unterschiedliche Lagen in unterschiedlicher Weise Erneuerung erfahren. Als wesentliches gemeinsames Merkmal dieser Räume werden Voraussetzungen für die Verflechtung unterschiedlicher, sich sozial und wirtschaftlich ergänzender Raumnutzungen angenommen. Die Unterschiede der Nachfrage durch soziale Gruppierungen finden eine Entsprechung in Boden- und Mietpreisen sowie in strukturellen Bedingungen für Raumnutzung, ihren Gebrauchstauglichkeiten und ihren symbolischen Qualitäten. Gebrauchstauglichkeit und Lagewert werden zunehmend durch die Komplementarität von Schutz privater Nutzungen auf privaten Flächen und Offenheit für vielfältige Begegnungen in öffentlichen Räumen bestimmt werden. Diese Standortvorteile werden die vermeintlichen Vorteile einer postindustriellen Ästhetisierung öffentlicher Räume ohne Verflechtung mit privaten Räumen sowie die industrielle, rein funktionale Ausnutzung von Flächen ablösen. Dieser Wandel realisiert die gesellschaftlichen Veränderungen in der überkommenen räumlichen Trennung, bzw. in der neuen Verbindung von Nutzungen auf der Basis wirtschaftlicher Notwendigkeiten: Seit es auf dem Arbeitsmarkt zunehmend weniger Sicherheiten gibt, wird der Ort des Wohnens wieder zum Ausgangspunkt für wirtschaftliche Aktivitäten. Das Forschungskonzept hat demnach folgende Orientierungen:
 | Das Szenario der Stadt, die in den für sie historisch und perspektivisch bedeutsamen Orten tauglich ist für eine Aufnahme des strukturellen Wandels, |  | Das Verständnis von Raum als Verflechtungsraum für Kommunikation und Güter- sowie Leistungsaustausch, |  | Das Verständnis von Raumstruktur als Gefüge periodisch instabiler räumlicher Organisation von Funktionen und wechselnder ökonomischer Anforderungen an Lagegunst, |  | Das Verständnis der Qualifizierung von Flächen und Räumen als innovative Neuerung im Sinne einer Transformation der Raumstrukturen mit Synthesen von neuen und tradierten Elementen und damit als Bruch gegenüber der fortgesetzten Modifizierung flächenhafter Konzentrationen von Funktionen. |
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