Private Räume

Private Räume - Verteilung von Typen
Der Typ der vollflächigen Bebauung ist bisher nur einmal in Dessau vertreten. Er betrifft das Rathaus-Center, das infolge eines städtebaulichen Wettbewerberbs zur Intensivierung des Handels in der Innenstadt Ende der 1990er Jahre gebaut wurde. Demgegenüber ist der Typ der geschlossenen Bauweise (ohne Vorbereiche) häufiger vertreten. Er umfasst alle eindeutig geschlossenen Fronten in den Bereichen, die „vordere“ und „rückwärtige“ Flächen aufgrund der Orientierung der Bebauung zur Haupterschließung unterscheiden. Dies betrifft den Markt, zwei Blöcke östlich der Antoinettenstraße und große Anteile der Bebauung in Dessau Nord. Im Übergangsbereich zwischen Markt und Dessau-Nord sowie überall dort, wo der Wohnsiedlungsbau Niederschlag gefunden hat, herrscht der Typ der halboffenen Bebauung vor; dieser Typ integriert Anteile geschlossener Bebauung wo Leerstand Lücken im Blockrand geschaffen hat und auch dort, wo die Länge der Baukörper zwar geschlossene Bauweise signalisiert, aber die Lücken zwischen den Gebäuden so fundamental sind, dass man nicht von geschlossener Bauweise sprechen kann. Je dunkler die Farbgebung dieses Typs ist, desto weniger gibt es eine erkennbare Orientierung der Anordnung im Verhältnis Haupterschließung. Der Typ der offenen Bebauung herrscht in vielen Randsituationen vor. Er betrifft jedoch auch vorindustrielle Kerne mit ihrer besonderen Anordnung von Hausgruppen, die erst durch vorgeschaltete Höfe und Tore geschlossene Fronten erhalten. Der Typ der freistehenden Bebauung ist nur vereinzelt vorhanden; er betrifft Solitäre. (Abb. 144)

Private Räume – Lesbarkeit
Die Gebiete gleicher Anordnungsformen bilden räumliche Zusammenhänge. Vollflächige und geschlossene Bebauung ist eindeutig lesbar, allerdings nur vereinzelt fragmentarisch und in Dessau Nord relativ gehäuft vertreten. Halboffene und offene Bebauung sind in ähnlichen Ausmaßen vorhanden. Sie sind lesbar je nach Orientierung der Bebauung. Insgesamt ist die Lesbarkeit im gesamten Gebiet der Innenstadt aufgrund der halboffenen und offnenen Bebauung hervorrragend gegeben. Nur die tief blauen und tief grünen Varianten zeigen eine Tendenz zur Auflösung der Lesbarkeit. Insgesamt liegt eine hohe Bandbreite von Lesbarkeit mit wenigen Dominanzen vor. Größte zusammenhängend lesbare Bereiche sind der baulich eindeutig gefasste Raum im Zentrum der Stadt, die Ortsmitte von Ziebigk Bebauung entlang der Heidestraße, die Wasserstadt und der Bereich der Gropius-Siedlung Törten im Südosten. Nicht weniger eindeutig lesbar sind aber die mittelgrün dargestellten Bereiche, die durch Hofbildungen und Tore ihre Lesbarkeit gegenüber dem öffentlich Raum erhalten haben. Bereiche eindeutiger Lesbarkeit werden häufig im Übergang zu Hauptverkehrsstraßen und Uferzonen von weniger eindeutig lesbaren Zonen eingeschlossen und bilden Inseln im Stadtgefüge. Inselhafte Zusammenhänge sind auch in der Umgebung der Ortskerne Kleinkühnau, Alten, Törten und der Haideburg erkennbar. In den Randbereichen der Stadt im Übergang zum Außenbereich liegen die Bedingungen der geringsten Eindeutigkeit von Lesbarkeit, da Bebauung in der Maßstäblichkeit verspringt, Lücken in der Bebauung vorherrschen, jüngste Anordnungen die Orientierung zur Haupterschließung vernachlässigen und Übergänge zu Freiräumen auf privaten Flächen nicht räumlich gestaltet sind. Heterogene Bebauung, Maßstabsversprünge und Mängel der Gestaltung von Rändern herrschen auch an den Ufern der Flüsse Elbe und Mulde sowie entlang der Ausfallstraßen vor. Den größten Anteil hieran haben die Flächen südlich der Kühnauer Straße und nördlich vom Schillerpark sowie Abschnitte in der Mitte der Heidestraße stadteinwärts und entlang der Albrechtstraße stadtauswärts. Wo vorindustrielle Kerne durch Erneuerung Fortführung ihrer Nutzungen gefunden haben, ist die Lesbarkeit der Räume infolge der eindeutigen Orientierung der Bebauung zur Haupterschließung hin eindeutig. Durch Bebauung gefasste zentrale Plätze und Kreuzungen sowie Ecksituationen sind dort Elemente der eindeutige Ausrichtung der Bebauung. (Abb 145)

Private Räume – Nutzbarkeit
Die Nutzbarkeit auf privaten Flächen ist in Dessau insgesamt eingeschränkt durch den hohen Anteil an Nachkriegsbebauung mit geringem Anteil an individuell nutzbaren Freiräumen. Da der Anteil an Vorbereichen positiv in die Bewertung einging, sind im Rahmen der Bewertung die Räume scheinbar nachrangig, die keine Vorbereiche aufweisen, dennoch aber ein hohes Maß an individuellen Nutzungsmöglichkeiten rückwärtiger privater Flächen zulassen. Östlich der Gleise bis zur Mulde ist ein kompakter Bereich mit insgesamt mittlerer Intensität von Nutzungsvielfalt vorhanden. Bei dieser Feststellung kommt der hohe Anteil an Wohnnutzung zum Tragen, der die Kartierung bestimmt hat. Die Einschränkung der Bewertung dieses Bereichs auf die überwiegende mittlere Intensität ist begründet durch den geringen Anteil an individuell nutzbaren privaten Flächen, der wiederum in Dessau Nord, in Ziebigk, Kühnau, Alten, Törten und in der Mitte der Heidestraße höher ist. Ähnlich wie unter dem Aspekt der Wandelbarkeit werden die Flächen höherwertig eingestuft, die ein geringeres Maß an Regulierung der Anordnung der Bebauung aufweisen. Dies betrifft die Flächen Oberbreite, den Westrand von Kleinkühnau, den Ostrand von Törten und die westliche Mitte der Heidestraße wo Kleingartensiedlungen verfestigt worden sind. Punktuell sind Quartiere vielfältiger Nutzbarkeit mit leichten Konzentrationen im Nordosten von Dessau um den Lidiceplatz, eingestreut in Ziebigk, südlich der Askanischen Straße und auch am Südeingang von Dessau zu erkennen. Dies sind Flächen, wo unterschiedliche Anordnungsformen und Nutzungen zusammentreffen und insgesamt einen heterogenen Rahmen für Nutzungsmischung bieten. Innerhalb der vorindustriell angelegten Kerne ist ein hohes Maß an Nutzungsvielfalt fortgeführt worden; intensivst genutzte private Flächen sind hier unmittelbar mit dem öffentlichen Raum verknüpft. (Abb. 146)

Private Räume – Wandelbarkeit
Städtebauliche Bereiche, die mit minimalen Eingriffen auf privaten Flächen hinsichtlich Bebauung und Nutzung wandelbar sind, sind im Stadtgebiet vor allen in Randbereichen zahlreich vorhanden. Großflächige Zusammenhänge dieser Art befinden sich vor allem südlich der Siedlung Törten, im Westen in Kleinkühnau und Ziebigk sowie südlich der Askanischen Straße, südlich der Kühnauer Straße, nördlich des Schillerparks, nördlich der Albrechtstraße und in der Mitte der Heidestraße stadteinwärts. Es sind im Wesentlichen die Gebiete, die nur eingeschränkt lesbar sind, weil die Ausrichtung der Bebauung nicht eindeutig zur Haupterschließung hin orientiert ist. Wandel wäre hier möglich – allerdings ohne den Schutz vorderer Fronten zum öffentlichen Raum hin. Kleinere Zusammenhänge dieser Art befinden sich im Nordosten von Dessau in der Nähe des Landhauses. Diese Voraussetzungen für Wandel auf den Grundstücken finden in zentralen Lagen und entlang der in Nord-Süd-Richtung kreuzenden Haupterschließungen nur eingeschränkte Entsprechung. Die Lesbarkeit, die zumindest nördlich der Museumskreuzung noch in hohem Maße vorhanden ist, ist hier mehr eine Trennung, denn eine Verbindung von vorderen und rückwärtigen Flächen; die rückwärtigen Flächen werden durch die vorderen nur eingeschränkt geschützt. Ihre Eignung für Wandel ist eingeschränkt durch die Funktionalität der Freiräume im Verhältnis zur Bebauung. In Dessau Nord liegen die Quartiere, die nur unter der Voraussetzung von erheblichen Eingriffen Wandel aufnehmen können, da die Anordnung der Bebauung, die überbaubaren Flächen und Bedingungen des Raumgefüges zwar eine Veränderung der Nutzungen in der Bebauung, nicht aber eine Veränderung der Bebauung und Nutzung auf den Flächen zulassen. Hierzu zählt vor allem der Bereich um die Kurt-Weill-Straße. Innerhalb der Lagen der vorindustriell angelegten Kerne sind die Voraussetzungen für Wandel punktuell oder umfassend sehr stark ausgeprägt. (Abb. 147)

Private Räume- „Topografie der Werte“
Orte des Zusammentreffens höchster Potentiale liegen in den Bereichen vorindustriell angelegter Kerne, in Siedlungszusammenhängen mit hohen Freiraumanteilen in der Umgebung der Kerne (Ziebigk, Kleinkühnau, Oberbreite, Törten) sowie in der Albrechtstraße und im Übergang zwischen Albrecht- und Franzstraße, nördlich der Askanischen Straße, in der Wasserstadt, in der Mitte der Heidestraße und am Südeingang der Stadt.Erkennbar ist eine flächenhafte Konzentration von hohen Potentialen in den Randbereichen westlich von Kleinkühnau, vielfältig eingestreut in Ziebigk, südöstlich von Alten, östlich der Gropiussiedlung Törten und beidseitig am Muldeufer östlich des Zentrums in der Wasserstadt. Es sind alte und neue Schwerpunkte für das Vorhandensein von Potentialen zu erkennen: Die vorindustriellen Kerne haben die Grundlagen geschaffen und dort wurde fortgeführt, was das Zusammentreffen der Potentiale in urbanen Räumen ausmacht. In den Räumen dazwischen sind jedoch flächenhaft oder punktuell auch hohe Potentiale unter den Voraussetzungen suburbaner Siedlungsansätze entstanden. Die Siedlung Törten bildet neben dem Gebiet der Ober- und Schwarzenbreite höchste Potentiale raumstrukturell hochwertiger Bereiche.Im Zentrum, entlang der Heide- und der Askanischen Straße liegen Bereiche hoher Potentiale unmittelbar neben solchen niedriger Werte. Zu den wenigen Problembereichen zählen u.a. die Neubaublöcke an der Friederickenstraße, entlang der kleinen Schaftrift, Augustenstraße und der Bernhard-Heese-Straße. Zur Mulde und zur Elbe hin nehmen die Werte ab. Viele Bereiche an der Mulde zeigen geringe Qualitäten. (Abb. 148)