Kerne - Ränder - Zwischenzonen

Kerne
Die dezentrale Verteilung der vorindustriellen Kerne bestimmt das Siedlungsbild der Stadt. In der Innenstadt und in Ziebigk sind diese Kerne durch Einflüsse der Siedlungsentwicklung mehrfach überformt worden. In den Randlagen, die bis 1930 besiedelt wurden, sind die Kerne integriert oder isoliert fortgeführt worden (z.B. Alt-Törten, Großkühnau). In den Randlagen spätindustrieller Entwicklung mit großer Verfügbarkeit von Flächen (z.B. Alten), sind die Kerne fortgeführt und eng umschlossen worden.

Ränder
Gestaltete Übergänge zwischen unterschiedlichen Phasen der Siedlungsgründung und -erweiterung sind bis 1930 entstanden und in der Zeit seit 1990 in einigen Randlagen (z.B. Törten) in ähnlicher Qualität neu hergestellt worden. Ränder zwischen mittelalterlich und gründerzeitlich geprägten Räumen sind nach dem 2. Weltkrieg durch andersartige Prinzipien der städtebaulichen Anordnung überwiegend bruchhaft geschlossen worden.

Zwischenzonen
Zwischenzonen entstanden seit Beginn der Industrialisierung infolge der Ansiedlung von massenhafter Wohn- oder konzentrierter Indu-strienutzung entlang der Bahnlinien bis zur Mulde (Turmstraße). Nach dem 2. Weltkrieg begann das Auffüllen von zentrumsnahen Flächen westlich der Mulde in unterschiedlicher Anordnung der Wohnbebauung, der Erschließungslogik des „fließenden Raumes“ folgend. Die gut erschlossenen Randlagen industrieller Erstbesiedlung werden seit 1990 nach außen erweitert durch punktuelle Additionen räumlich und funktional isolierter Elemente der Flächennutzung. Die Flächen der industriellen ErstBesiedlung selbst fallen zunehmend brach. Auch der Flugplatz wird durch gewerbliche Nutzung besetzt. (Abb. 139)

Kernbildung
Mühle an der Brücke über die Mulde als erste Form der Besiedlung; Anhöhe als topografischer Lagevorteil
Kern = Mühle
Rand = Grenze des Anwesens
Enge Funktionsverflechtung und -überlagerung auf kleinstem Raum

Kernfestigung
Planmäßige Gründung der Stadt um 1180 mit erster Stadtbefestigung
Kern = Markt mit Rathaus/ Amtshaus
Rand = Stadtbefestigung
Enge Funktionsverflechtung und -überlagerung innerhalb der Stadtmauern
Anfangs unbebaute Flächen innerhalb der Stadtbefestigung werden im Laufe der Zeit überbaut (Verdichtung)
Herausbildung, Festigung aber auch Rückbildung (Stene) von vormittelalterlichen Siedlungskernen
Bildung erster Vorstädte im Bereich der Tore (Muldvorstadt, Sandvorstadt)

Erste Kernerweiterung
Wegfallen der funktionalen Notwendigkeit der Stadtmauer
Kern = mittelalterlicher Stadtkern
Rand = Rand der zusammenhängend besiedelten Fläche
Beginnende Segregation innerhalb der Stadt mit der Anlage von nahezu monofunktionalen, kleineren Wohnsiedlungen (Gründerzeitliche Stadterweiterungen, Hohe Lache, Siedlung Törten) und Industriegebieten (in Verbindung mit den Gleisanlagen im Norden und Westen der Stadt) im Zuge der Industrialisierung
Teilweise noch unbebaute Flächen besonders in der Nähe der Gleisanlagen
Beginnende Eingliederung vormittelalterlicher Siedlungskerne in das Stadtgefüge (Ziebigk, später Törten)
Stark fragmentierte Randausformung abgeleitet aus der Struktur der umliegenden ehemals agrarisch genutzten Flächen
Gleisanlagen (bei Alten, im Nord- und Südwesten) und Gewässer (Mulde) als wichtige „Randbildner”
Siedlungsentwicklung vor allem entlang neu angelegter Eisenbahnstrecken

Zweite Kernerweiterung
Großflächiger Wiederaufbau der zerstörten Innenstadt nach dem 2.WK; wachsender Flächenbedarf durch die verstärkte, planmäßige Ansiedlung und Erweiterung von Industriebetrieben in der Stadt
Kern = zusammenhängend besiedelter Stadtkörper
Rand = Flächen der Stadt mit eingemeindeten Ortschaften
Füllen der noch freien Flächen entlang der Gleisanlagen mit Bebauung
Innere Ränder besonders in den Übergangsbereichen zu neu angegliederten Dörfern (Alten)
Segregation innerhalb der Stadt mit weiterer Monofunktionalisierung
Funktionskonzentration in die Randbereiche nach Norden (Waggonbau) und entlang der Gleisanlagen (Chemische Industrie), kaum Funktionsauslagerungen
Eingliederung der dörflicher Siedlungen (Kleinkühnau, Alten, Jonitz, Naundorf, Haideburg) mit Erweiterungen durch Plattenbaugebiete (Alten - Zoberberg) und später erste Einfamilienhaussiedlungen besonders in Ziebigk und Richtung Törten
Ausbreitung der Siedlung in Richtung der Ausfallstraßen und umliegenden dörflichen Siedlungen
Fragmentierte Randausformung ohne deutliche Formulierung von Übergangszonen

Dritte Kernerweiterung
Nach 1989 Verwaltungs- und Gebietsreform: Dessau - kreisfreie Stadt
Debatte über die Herausbildung gemeinsamen Landkreises und Aufgabe des kreisfreien Status
Kernsplitter: Rathausumgebung, Museumskreuzung, Bahnhof, Dessau-Nord, vorindu-striell angelegte und industriell eingebundene Kernbereiche (Mosigkau, Alten, Ziebigk)
Auffüllen ungenutzter stadtinnerer Flächen; Entstehen neuer Brachen
Funktionsangliederung von großflächigen Gewerbeflächen an dörfliche Kerne (Alten/ Ziebigk) im Bereich des ehemaligen Flugplatzes
Wegbrechen großer Teile der industriellen Funktionen in der Stadt nach 1989 und erhöhte Abwanderungstendenzen; Folgeerscheinungen - Brachfallen industriell genutzter Flächen und massiver Leerstand im Bereich der Großwohnsiedlungen (Zoberberg, Innenstadt Süd)
Freiwerden großer, ehemals militärisch genutzter Flächen nach Abzug der russischen Armee (Bereich Kochstedt)
Fragmentierte Randausformung ohne deutliche Formulierung von Übergangszonen entlang der Gleisanlagen im Bereich Alten und im Norden sowie zunehmend entlang der Autobahn im Bereich Mildensee
Anhaltendes Randwachstum (Einfamilienhausbau und Gewerbegebiete) angelagert an dörfliche Siedlungen (Wohngebiet Koch-stedt, Gewerbegebiet Mildensee)