Askanische Straße

Daten
Seit 1920er Jahre, bedeutende Handelsstraße für Ost-West- Verkehre seit Anlage von Industrie und Lagernutzungen parallel zu den Bahnlinien
1930-1940er Jahre, Anlage von Arbeitersiedlungen westlich der Kreuzung mit der Brauereistraße
1950er-1990er Jahre, fortgesetzte Modernisierung der Verkehrsfunktionalität durch Überbrückung der Bahnlinie, Anlage der Straßenbahnlinie nach Zoberberg, Ausbau der Fahrbahnen im Bereich Museumskreuzung und Muldeufer
Nach 1990, Wiederbelebung von Wohnwerten nach dem Rückgang der Industrie im innerstädtischen Teil der Straße.

Öffentliche und private Räume
Ehemals wichtige Überlandstraße zur überörtlichen Erschließung der Stadt in Ost-West-Richtung mit vermutlich geänderter Trasse durch Umgehung von dem vorindustriellen Kern Alten
Fluchtrücksetzungen in der Zeit um 1950, seitdem „Kanalisierung und Reglementierung” des öffentlichen Raumes
Starke verkehrsfunktionale Prägung mit Überbrückung der Bahnlinie (räumlicher wie auch funktionaler Bruch)
Fehlende räumliche Zusammenhänge zwischen den angrenzenden nördlichen und südlichen Stadtteilen durch die enorme Bar-rierewirkung der Verkehrsachse
Dominanz des Fahrzeugverkehrs im Straßenraum mit mittiger Straßenbahnführung auf separatem Gleiskörper
Im Bereich der Museumskreuzung versuchte funktionale Verknüpfung durch Konzentration von Versorgungsfunktionen
August-Bebel-Platz als räumlicher und funktionaler Akzent (temporäres Markttreiben) entlang der Straße
Bebauung entlang der Askanischen Straße als zusammenhangloses Nebeneinander heterogener Siedlungsfragmente (Junkerssiedlung, Gewerbeflächen in Verbindung mit den Bahngleisen)

Kerne – Ränder – Zwischenzonen
Es gibt keine Kerne entlang der Straße, durchaus aber den vorindustriellen Kern Alten südlich der Straße und den derzeitigen Rand der Innenstadt westlich der Bahnlinie in Nord-Süd-Richtung. Raum- und Funktionszusammenhänge entlang der Straße sind abschnittsweise eingeschränkt erkennbar. Ihre Unterteilung ist immer wieder auf’s Neue überraschend, durch Architektur (ehemalige Kaserne) oder Funktionalitäten bestimmt und nicht durch räumliche Wirkungen von Kreuzungsbereichen motiviert, denn die Kreuzungen sind überwiegend rein verkehrsfunktional ausgebaut und dienen nicht der Lesbarkeit von Raumfolgen (Ausnahme: Museumskreuzung). Anfang und Ende der Straße sind ebenso wenig erfahrbar. Im Muldebereich wird die Kreuzung überdimensioniert aufgeweitet; fassende Raumkanten fehlen. Die seitlich angrenzenden Nutzungszusammenhänge werden nördlich durch die Bahnlinie und südlich durch Kleingartenanlagen und eingestreute Gewerbe und Wohnnutzungen geprägt. Ränder sind nur im Übergang zu den Kleingärten zu erkennen. Alles andere ist industriell geprägte Zwischenzone entlang den Bahnlinien (in Nord-Süd- sowie in Ost-West-Richtung).

Erneuerungstätigkeiten und Bodenwerte
Erneuerungstätigkeiten entlang der Askanischen Straße betreffen im einzelnen private kleinteilige Bebauung, nicht jedoch Fabrikgebäude oder leerstehende Siedlungen. Eine Siedlung wurde vor 2 Jahren saniert. Die gegenüberliegende Siedlung wird seit Ende der 1980er Jahre zunehmend dem Verfall infolge von Leerstand überlassen. Verkehrslärm, heterogene Bebauung und kreuzende Bahnlinie sind bodenwertsenkende Faktoren.

Vorkriegssituation
Die Askanische Straße war in ihrer Vorkriegssi-tuation noch nicht durchlaufend als Ost-West-Verbindung ausgebaut, sondern erschloß nördlich der niveaugleichen Kreuzung der Bahnlinie die alte Brauerei und führte dann, vermittelt über eine Verschwenkung, weiter nach Westen. Dieses „Ausbauende“ der Straße bezeichnet die Konzentration der Industrie entlang der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Bahnlinie und erst eingeschränkten Industrieanlagen im Kreuzungsbereich dieser Bahnlinie mit der nach Westen führenden Bahnlinie. (Abb. 167)

Vorwendesituation
Die Erweiterung der Industrie nach Westen hatte dazu geführt, dass die Straße teilweise in Hochlage geführt und geradlinig ausgebaut wurde. Südlich und nördlich wurden Industrie und Wohnsiedlungen in dichtem Nebeneinander angelegt. Sie teilten den Erschließungsvorteil der Straße. Kleingärten im Süden sorgten für einen Ausgleich der industriellen Wohn- und Arbeitsbedingungen. (Abb. 168)

Nachwendesituation
Die industriell angelegte, patch-workartige Siedlungsmischung hatte für die Wohnnutzung Konkurrenz erhalten, als Ende der 1980er Jahre weiter westlich die Siedlung Zoberberg angelegt worden war und diese, mit besserer sanitärer und heizungstechnischer Ausstattung die Bewohner der Junkerssiedlung südwestlich der Brauerei abwarb. Während die später angelegten Zeilenbauten renoviert wurden, verfällt die früher angelegte Junkerssiedlung und bildet ein charakteristisches Abbild von industriell geprägten Zwischenzonen. Die großflächige Mischung von Industrie und Gewerbe ist ein großes Fragezeichen für die Stadtentwicklung. Eine Fwestigung noch bestehender Räume durch nicht störende Arbeitsnutzungen zu beiden Seite der Bahn in Nord-Süd-Richtung wäre wünschenswert. Die Einbindung der mittlerweile als Wahrzeichen für Kultur in Dessau etablierten alte Brauerei in ein attraktives Umfeld wäre ebenfalls wünschenswert. Nur so könnten Lesbarkeit und Nutzbarkeit der Reste einer umfassenden industriellen Blüte zukunftsträchtig fortgeführt werden. (Abb. 169)

Gebaute und gelebte Räume - Bestand
Einzelne Industriegebäude bilden zentrale Orte für gelebte Räume: z.B. die alte Brauerei an der Junkerstraße, die für kulturelle Zwecke bereits genutzt wird. Andere gelebte Räume sind vor allem die Kleingartenanlagen, seitdem die Junkers-Siedlung aus den 1930er Jahren an der Taubenstraße überwiegend leer steht. (Abb. 170)

Gebaute und gelebte Räume – Szenario
Die riesige Zwischenzone der Stadt Dessau entlang der Bahn verändert langfristig völlig ihr Gesicht, - Orte wie die Brauerei werden räumlich und funktional gestärkt und eingebunden in die Entstehung eines Kultur- und Wissenschaftsszent-rums, das die beiden Seiten der Bahnlinie südlich der Askanischen Straße neu belebt und direkt an neue Freiräume auf den ehemaligen Flächen der Junkerssiedlung angrenzt. (Abb. 171)

Empfehlungen
Orte
Kreuzungsbereiche, Gebäude und Topografie mit Bedeutung für örtliche Besonderheiten sind zu entdecken und mit neuen Nutzungen zu beleben.

Öffentliche Räume
sind in die verlassenen Industrie- und Wohnareale hinein auszudehnen und mit neuen Qualitäten von Bebauung und Freiräumen zu versehen.

Private Räume
sind vor allem im Bereich nicht störender Arbeitsplätze zu beiden Seiten der Bahnlinie anzusiedeln und somit der Abrundung der Innenstadt nach Westen nutzbar zu machen.

Unbebaute Räume
Die Kleingartenanlagen und die vorhandenen sowie entstehenden Brachen sind zu begrünen und als Erholungsräume zu öffnen; Rad- und Wegebeziehungen, auch in Richtung Mulde, sind auszubauen und zu verknüpfen.

Teilbereich Junkerssiedlung- Kleingärten
Der Teilbereich charakterisiert das Nebeneinander der industriellen Stadt aus der Vorkriegszeit: Fabriken, Wohnsiedlung und Kleingärten in jeweils feldartiger Flächenaufteilung. Nachkriegseinflüsse sind in Form der Zeilen zu beiden Seiten der Askanischen Straße hinzugekommen und haben vermutlich Flächen aufgefüllt, die ursprünglich für Produktionsanlagen vorgesehen waren. Der Charakter des Teilraumes ist funktional – bis auf die Siedlung aus den 1930er Jahren, die in halb-geschlossener Bauweise gemeinschaftliche Gärten umfasst und als städtebauliche Anlage ihrer Zeit durchaus Wert hat. Der Leerstand dieser Siedlung sowie das Überangebot an Wohnungen sind Gründe für den Abriss, nachdem ein Investor bis vor 2 Jahren noch die Modernisierung in Erwägung gezogen hat. Eine Ausdehnung von Freiräumen anstelle der Siedlung müsste berücksichtigen, dass die Askanische Straße der Gestaltung und der Aufwertung von Raumabschnitten bedarf. Ein solcher Ort mit Bedeutung für die angrenzenden Raumabschnitte könnte die Kreuzung mit Schwerpunkt an der alten Brauerei sei. (Abb. 172/173/174)